1971/72: Die bengalische Tragödie / Wohin geht Bangla Desh? / Marxismus und nationale Frage

[2] Die bengalische Tragödie

I. Teil: Der weltpolitische Hintergrund

In den letzten Wochen ist es in der Tagespresse verhältnismäßig ruhig geworden um den Bürgerkrieg in Pakistan. Die Bericht­erstattung beschränkt sich immer mehr auf ein paar unbedeu­tende, weil routinemäßige diplomatische Geplänkel zwischen Neu-Delhi und Islamabad, und so mag der Eindruck entstehen, der Unabhängigkeitsbewegung der bengalischen Volksmassen sei für absehbare Zeit das Rückgrat gebrochen.
Wäre dieser Eindruck richtig, so könnte das Bemühen, eine marxistische Stellungnahme zum Krieg der pakistanischen Regierung gegen das Volk von Ostbengalen zu erarbeiten, als eine akademische Pflichtübung erscheinen. Wir halten es jedoch für ziemlich unwahrscheinlich, daß die gegenwärtige Friedhofs­ruhe in Ostbengalen von längerer Dauer sein kann – nicht allein, weil die Wurzeln der bengalischen Nationalbewegung viel zu tief im Charakter des pakistanischen Staatsgebildes verhaftet sind, sondern weil wir hinter den revolutionären Erschütterungen Bengalens eine allgemeine revolutionäre Krise heranreifen sehen, die den ganzen indischen Subkontinent erfaßt und die in wach­sendem Maße das politische Gesicht Asiens bestimmen wird, ungeachtet der momentanen Schicksale ihrer einzelnen nationalen oder regionalen Bestandteile.
Wenn also der militärische Widerstand des bengalischen Volkes gegen die Söldnerhorden der pakistanischen Militärdiktatur vor­übergehend zum Erliegen gekommen sein sollte – was im übrigen nicht einmal sicher ist –, so kann es keinen Zweifel daran geben, daß das revolutionäre Ferment, das von Bengalen ausgegangen ist, in Ceylon ebenso wie in der indischen Union weiterwirken und zu gegebener Zeit auch die revolutionäre Bewegung Ostbengalens neu entfachen wird.
Diese Gewißheit wird bestätigt auch die Tatsache, daß die augenblickliche Niederlage der bengalischen Volksbewegung nicht so sehr in irgendeiner naturhaften inneren Schwäche der Idee der nationalen Selbständigkeit des bengalischen Volkes begründet, sondern vielmehr ein Ergebnis der schwankenden, feigen und unentschlossenen Politik der Führer der Awami-Liga ist.
Diese „Volksführer“, die es vorgezogen haben, im sicheren indischen Hafen Calcutta eine ‚provisorische Regierung von Bangla-Desh’ auszurufen, statt die Führung des revolutionären Kampfes an Ort und Stelle zu übernehmen, hoffen, ‚ihrem’ Volk die nationale Selbstbestimmung vermittels heftiger diplo­matischer Gebärden erhandeln zu können. Diese spießbürgerlich­-idealistische Auffassung von der Weltpolitik charakterisiert die Führer der Awami-Liga hinlänglich als das, was sie sind: klein­bürgerliche Phantasten, die verzweifelt hoffen, die blutigen Unkosten einer Revolution dank solcher Wundermittelchen wie humanitärer Appelle an die „Weltöffentlichkeit“ einsparen zu können – und die eben dadurch, daß sie auf die Vorbereitung und Organisierung der bewaffneten Selbstverteidigung verzich­ten, die Blutopfer ins Unermeßliche treiben.
Man wird sich erinnern: Bis zum allerletzten Augenblick hatte Scheich Mujibur Rahman, der Führer der Awami-Liga, sich selbst ebenso wie den bengalischen Volksmassen die Illusion vorgegaukelt, die Probleme der nationalen Unterdrückung der Bengalen durch die westpakistanische Zentraladministration schiedlich-friedlich auf dem Verhandlungswege beheben zu können – so, als habe sich je ein Ausbeuter am grünen Tisch dazu überreden lassen, aus menschenfreundlichen Erwägungen heraus auf seinen Profit zu verzichten. Heute versucht die ‚provisorische Regierung’ in Calcutta, auf diplomatischem Par­kett daraus Kapital zu schlagen, daß sich die Awami-Liga förm­lich bis zur allerletzten Sekunde sklavisch an die „Legalität“ des Militär-Regimes von Islamabad gehalten habe, eine „Legalität“, die doch nur eine durch keinerlei Verfassung eingeschränkte Willkürherrschaft war – und sie scheint nicht einmal zu bemerken, wie sehr sie dabei das Vertrauen verhöhnt, welches die ostbengalischen Massen zu ihrem Unglück in sie gesetzt haben.
Die einfache Tatsache, daß Scheich Mujibur und sein General­stab offenbar damals wie heute mehr Vertrauen in die Allmacht der Diplomatie als in die Kampfkraft ihres Volkes gesetzt haben, würde ausreichen, um sie ein für allemal als revolutio­näre Führer zu disqualifizieren. Aber daß die ‚Regierung’ in Calcutta noch immer anzunehmen scheint, sie könne die Unab­hängigkeit wie ein Gnadengeschenk aus den Händen irgendeiner Großmacht erbetteln, beweist ein Ausmaß an politischer Naivität, das fast schon kriminell ist. Man muß wahrhaftig kein Spezialist in asiatischen Angelegenheiten sein, um sich nach einem kurzen Blick auf die Landkarte an zehn Fingern aus­rechnen zu können, daß auch nicht eine einzige Weltmacht ernstlich an einer radikalen Erschütterung des status quo auf diesem Teil der Erdkugel interessiert sein kann.
Das ist tatsächlich die tragischste Seite dieses bengalischen Dramas, daß die revolutionäre Bewegung für das Selbst­bestimmungsrecht der Bengalen auf keinerlei Hilfe von außen rechnen kann und deshalb buchstäblich auf ihre eigenen Kräfte angewiesen ist.

Chinesische Großmachtpolitik

Gutgläubige junge Studenten, die sich in Westdeutschland und anderswo in den vergangenen Monaten durch die Gedanken des Vorsitzenden Mao Tse-tung zu einem „Marxismus-Leninismus“ besonderer Prägung haben bekehren lassen, dürften gehörig ver­wirrt gewesen sein, als Peking, welches man doch besten Glau­bens für das Mekka des „revolutionären Volkskrieges“ gehalten hatte, nun auf einmal Kriegsmaterial an ein Regime lieferte, das diese Waffen zu keinem Zweck dringender benötigte als zu eben jenem, einen waschechten Volkskrieg um die nationale Unab­hängigkeit im Blut zu ersäufen. Wir haben keinen Zweifel daran, daß es auch diesmal den respektiven Chefideologen der diversen ‚marxistisch-leninistischen’ Parteien, Jugendverbänden, Initiativen, Ansätzen und Aufbauorganisationen, irgendwie gelingen wird, durch kunstvolles Jonglieren mit den schönen Wörtern „Haupt- und Nebenwiderspruch“ die Dinge wieder ins rechte Lot zu bringen und etwaige Zweifel in den Reihen der Rechtgläubigen schnellstens auszumerzen.
Diejenigen jedoch, die sich das Denken noch nicht haben abge­wöhnen lassen, wollen wir darauf hinweisen, daß dieses innige Verhältnis zwischen Peking und dem pakistanischen Militär­regime bereits recht alten Datums ist. Schon den Vorgänger des [3] gegenwärtigen Präsidenten, den berüchtigten Diktator Ayub Khan, der im Laufe der fünfziger und sechziger Jahre auch noch die letzten Spuren der bürgerlichen Demokratie beseitigte, die es in Pakistan ohnehin nur zu einem Mauerblümchen-Dasein hatte bringen können, eben diesen Ayub Khan haben die chine­sischen Führer (und mit ihnen selbstredend ihre einheimischen Anhänger in der ‚Nationalen Awami-Partei’ des Maulana Bashani) haargenau bis zu der Minute politisch und militärisch unterstützt, als ihn ein von einer Massenerhebung des ganzen Volkes begleiteter Generalstreik zum Teufel jagte! Die ‚Freundschaft’ der chinesischen Führer zum Regime Ayub Khans war so innig, daß der Marschall Tschen Ji im Verlauf eines der zahl­reichen Höflichkeitsbesuche sogar feststellen konnte, die „Basis-Demokratie“ – eben so nannte Ayub Khan sein poli­tisches Unterdrückungssystem – sei „unseren Volkskommunen sehr ähnlich“ (was übrigens von westlichen Antikommunisten schon viel früher behauptet worden war…).
Wie erklärt sich der ‚marxistisch-leninistische’ Durchschnitts-Verstand solche Bocksprünge der chinesischen Außenpolitik? Nun, ganz einfach: Das liegt eben an den Haupt- und Neben­widersprüchen! Das ist nämlich so: Die Volksrepublik China führt einen Kampf auf Leben und Tod gegen den Sowjet­revisionismus und außerdem streitet sie sich mit der indischen Union um den Verlauf der Grenzen im Himalaya. Der Sowjetrevisionismus – gelegentlich auch Sozialimperialismus und Sowjetfaschismus genannt – befindet sich nun in einem diplo­matischen Bündnis mit Indien, woraus eindeutig die anti­imperialistische Natur von Chinas Grenzstreitigkeiten mit Indien hervorgeht. Und dieser Anti-Imperialismus bildet eben den ‚Hauptwiderspruch’ in dieser Region der Welt. Und es trifft sich, daß Pakistan mit derselben indischen Union eben­falls Grenzstreitigkeiten hat wegen Kaschmirs. So befinden sich folglich Pakistan und China gemeinsam auf derselben Seite des ‚Hauptwiderspruchs’: der Tatbestand, daß dieses ‚objektive’, anti-imperialistische, pakistanische Regime bis heute nicht für ratsam gehalten hat, aus dem imperialistischen SEATO-Bündnis auszutreten, daß in Pakistan nicht einmal der Schatten einer bürgerlichen Demokratie besteht, daß dort die Volksmassen womöglich noch stärker unterdrückt und ausgepowert werden als in Indien – das alles stellt nach Maßgabe volks-chinesischer Dialektik allerhöchstem einen ‚Nebenwiderspruch’ dar, den man zugunsten des ‚Hauptwiderspruchs’ getrost vernachlässigen kann …
Auf gut deutsch: Darüber, was der ‚Haupt’- und was der ‚Neben­widerspruch’ ist, entscheidet in einer gegebenen Situation stets das momentane außenpolitisch-diplomatische Interesse der Volksrepublik China. Man kann es freilich auch anders aus­drücken: Im konkreten Fall hat die chinesische Volksrepublik – ungeachtet ihres selbstgewählten Berufs als revolutionärer Sittenrichter über die ganze Welt – noch stets ihre eigenen nationalstaatlichen Interessen über die revolutionären Interessen anderer Völker gestellt. Eben dies werfen die chinesischen Füh­rer auch der Sowjetunion vor (wobei sie allerdings nur eine Anklage aufgreifen, die die trotzkistische Bewegung seit etwa fünfundvierzig Jahren immer wieder gegen den Stalinismus vor­gebracht hat). Im Fall der Sowjetunion heißt eine solche Politik nach volks-chinesischer Lesart „Großmacht-Chauvinismus“; wir finden diesen Ausdruck nicht gerade elegant, aber ziemlich treffend; wir schlagen vor, ihn gegenüber der chinesischen Außen­politik beizubehalten…
„Ja, aber…!“, ruft da eine empörte Stimme. Hat nicht die VR China in vielen Ländern der Welt in selbstlosester Weise unter großen Opfern die nationalen Befreiungsbewegungen und den Volkskrieg unterstützt (mit der geringfügigen Ausnahme Ben­galen, versteht sich)?! Es kostet freilich nicht viel, revolutionäre Bewegungen in Ländern zu unterstützen, in denen man sowieso keine diplomatischen Interessen zu verteidigen hat, es kostet höchstens Geld – aber die Rolle als revolutionärer Moralapostel gegenüber der Sowjetunion muß man sich schon mal was kosten lassen. Aber in sämtlichen Ländern, in denen tatsächliche diplo­matische Interessen der VR China auf dem Spiel standen – allen voran Indonesien zur Zeit Sukarnos, Kambodscha zur Zeit Sihanouks, Pakistan zu allen Zeiten… (die Reihe ließe sich noch ein Stück fortsetzen – vor allem in Afrika!) – hat sie sich peinlichst genau davor gehütet, sich auf Seiten der revolutionä­ren oder auch nur fortschrittlichen Kräfte in die ‚innenpolitischen Angelegenheiten eines befreundeten Landes’ „einzu­mischen“! Das ist die friedliche Koexistenz, wie auch Peking sie versteht.

„Ping-Pong-Diplomatie“

Seit dem Abschluß der „Kulturrevolution“ sucht die Regierung der VR China verstärkt nach einem Ausweg aus ihrer – minde­stens zum Teil selbstgewählten – außenpolitischen Isolation. Zu welchen prinzipienlosen Verstößen gegen die revolutionären [4] Interessen der Völker sie dabei imstande ist, zeigt der Flirt mit der Schwester des Schahs von Persien ebenso wie die gegen­wärtigen Verhandlungen mit der türkischen Regierung über die Aufnahme diplomatischer Beziehungen. Daß man uns recht versteht: Auch in der Außenpolitik eines Arbeiterstaates muß revolutionärer Realismus über sentimentalem Moralismus stehen; wir sind also keineswegs der Ansicht, daß eine revolu­tionäre Regierung grundsätzlich auf diplomatische Beziehungen zu einem Staat, wo ein reaktionäres Regime herrscht, verzich­ten müsse (wo sollte man denn da auch die Grenze ziehen, will man sich nicht vollends isolieren?!). Aber muß man sich aus­gerechnet in dem Augenblick auf ein Techtelmechtel mit dem Schah einlassen, wo dieser den Terror im eigenen Land auf ungeahnte Spitzen treibt, wo er auch noch die letzten Ahnun­gen einer legalen Opposition ausradiert und Dutzende von Oppositionellen grausam umbringen läßt? Muß man mit der Türkei ausgerechnet in dem Moment über die diplomatische Anerkennung verhandeln, wo mit Hilfe des Belagerungs­zustandes auch in diesem Land die spärlichen Überreste der demokratischen Freiheiten vertilgt werden sollen, wo Hunderte und Tausende ohne Prozeß in den Kerker geworfen werden?!
Die Regierung der VR China nimmt nicht die geringsten Rück­sichten darauf, welche katastrophalen Auswirkungen ihre Diplomatie auf die Kampfmoral und den Widerstandsgeist der Revolutionäre in diesen Ländern haben muß und demonstriert dadurch eine souveräne Geringschätzung für die Interessen der internationalen proletarischen Revolution. Es wird allerhöchste Zeit, daß sich die maoistischen ‚Marxisten-Leninisten’ in aller Welt von ihren Illusionen über die Natur der chinesischen Außen­politik befreien, sonst stehen ihnen unvermeidlich ebenso ent­setzliche Enttäuschungen bevor wie den Revolutionären in Persien, der Türkei und in —Bengalen!

Die Rolle Indiens

Es liegt also für den kritischen marxistischen Betrachter keiner­lei Geheimnis mehr über der Unterstützung des reaktionären pakistanischen Regimes durch die chinesische Volksrepublik. Von daher hatten die Führer der Awami-Liga sicherlich auch am wenigsten Unterstützung erwartet, denn so illusionär die ‚Politik’ des Advokaten-Zirkels in Calcutta auch sein mag (die Mit­glieder der ‚provisorischen Regierung’ sind ohne Ausnahme Rechtsanwälte!), so kannten sie das Verhältnis Pekings zum Regime in Islamabad doch schon zu lange, um sich in dieser Hinsicht großen Hoffnungen hinzugeben. Ernüchternd dürfte allerdings die bestenfalls lauwarme Reaktion der indischen Regierung gewirkt haben. Von daher hatte man offenbar weitaus energischere Unterstützung erhofft – und eben hier zeigt sich, wie illusionär und idealistisch eine ‚fortschritt­liche’ Politik bleiben muß, die nicht imstande ist, den Klassen­kampf als konstitutiven Bestandteil der Außenpolitik ebenso wie der Innenpolitik in Rechnung zu stellen.
Natürlich muß Indien an einem Zerfall Pakistans interessiert sein, denn dadurch hätte es einen seiner beiden potentiellen militärischen Gegner praktisch vom Hals; vor einem Mehr-Fronten-Krieg gegen Pakistan und China brauchte sich Indira Gandhi nicht mehr zu fürchten und wäre gegenüber China zu einer viel offensiveren Politik fähig. Aber die sprachlichen und kulturellen Bande zwischen dem bislang pakistanischen Ost- und dem indischen Westbengalen haben in der Politik Indira Gandhis haargenau das Gegenteil von dem bewirkt, was die Awami-Ligisten erhofft haben dürften. Sie meinten, weil „Blutsbande“ für idealistische kleinbürgerliche Demokraten ihres Schlages ein Wert an sich sind, könnte sich auch eine ausgekochte Agentin der indischen Großbourgeoisie wie Indira Gandhi solch zwingender Argumente nicht entziehen.
Allerdings hat die indische Regierung ebenfalls allen Grund, gegenwärtig an nichts mehr interessiert zu sein als an der Erhal­tung des status quo – und an keiner Ecke der indischen Union so sehr wie in Bengalen! Vor wenigen Wochen erst hat Indiras Neue Kongreß-Partei einen ‚überwältigenden’ Wahlsieg davon­getragen – aber dennoch ist das soziale Gefüge Indiens alles andere als stabil. Dieser große Wahlerfolg könnte sich nämlich als ein Bumerang herausstellen: Indira hat ihn nicht gegen die Links-Opposition errungen, sondern gegen die konservative Rechte! Obwohl der ganze Wahlkampf auf ein Duell zwischen Indira und der „großen Allianz“ der Reaktion zugespitzt wurde, hat diese Polarisierung nicht etwa zu einem Aufsaugen der Linksopposition durch Indiras sozialistische Demagogie, son­dern im Gegenteil zu einer Stärkung der Linken, vor allem der ‚Marxistischen Kommunisten’1 geführt. Die ‚Marxistische KP’ ist natürlich auch keine revolutionäre Partei, aber da eine nennenswerte revolutionäre Kraft links von ihr nicht vorhanden war, muß man den Zuwachs dieser Partei ohne Zweifel als ein Symptom fortschreitender Massenradikalisierung werten. Selbst der unerwartet hohe Anteil der Kongreßpartei spiegelt in ge­wisser Weise die wachsende soziale Gärung wider, denn Indira hat diesen Wahlkampf im wesentlichen dank ihrer vielen schönen Reden über Sozialismus, Verstaatlichung und andere höchst fortschrittliche Dinge gewonnen.
Was jedoch den Führern der Awami-Liga den dicksten Strich durch die Rechnung gemacht hat, ist dies: Die ‚Marxistischen Kommunisten’ haben ihre größten Wahlerfolge ausgerechnet in – Westbengalen erzielt! Dort blieben sie knapp unterhalb einer regierungsfähigen Mehrheit und die westbengalische Kon­greßpartei, die die Linie Indira Gandhis vertritt, konnte nur knapp eine Regierungskoalition zustandebringen, in der sie noch dazu auf die Moskau-hörige KP und eine kleinere, links davon stehende Gruppe angewiesen ist. Die soziale Unruhe in Westbengalen hatte schon vor Monaten einen Punkt erreicht, an dem „Ruhe und Ordnung“ nur dadurch gewahrt werden konnten, daß die Provinz der direkten Verwaltung durch die Zentralregierung unterstellt wurde. Jede geringfügige Erschütte­rung in diesem wichtigen Teil des Landes kann zum Sturz der Provinz-Regierung und zur Entfesselung breiter Massenkämpfe führen, die auch die ‚Marxistische KP’ kaum noch wird zügeln können.
Hätte Indira Gandhi sich auf ein militärisches Eingreifen in pakistanisch-bengalischen Krieg eingelassen, so hätte sie es sich an den Fingern ausrechnen können, wann die bewaffnete Volks­erhebung vom östlichen auf den westlichen Teil Bengalens über­greifen würde. Hinzu kam die chinesische Interventions-Drohung. Hier nun kamen die Interessen der Sowjetunion und der USA ins Spiel. Keine ausländische Macht hat unmittelbare Interessen in Ostbengalen – dieses wurde bislang ausschließlich von west­pakistanischen Händlern und Unternehmern sowie von einge- [5] borenen Großgrundherren und Kompradoren ausgebeutet. Aber die Gefahr eines allgemeinen asiatischen Landkrieges – von China über Pakistan und Indien bis Ceylon –, von dem man nicht vorhersagen kann, vor welchen Nachbarländern er halt macht und wann China die ersten Atombomben einsetzt, rief die beiden Supermächte auf den Plan. Der Sowjetunion ist natürlich Ostbengalen an und für sich ebenso gleichgültig wie den USA, oder richtiger: wenn überhaupt, interessiert sie an diesem Land allenfalls die strategische Lage. Es wäre falsch zu glauben, die Sowjetunion habe mit ihren diplomatischen Demarchen in Islamabad zugunsten der Unabhängigkeit von Bangla-Desh die Initiative ergriffen. Wenn Moskau auf ein Ende des Völkermordes an den Bengalen gedrungen hat, so allein, um Indira Gandhi gegenüber der öffentlichen Meinung ihres eigenen Landes eine Ausrede dafür zu ermöglichen, daß sie keine indi­schen Truppen nach Bengalen in Marsch setzt. Und es ist unter solchen Umständen nur folgerichtig, daß niemand in Indien eine militärische Hilfsaktion so vehement gefordert hat wie eben – die ‚marxistisch-kommunistische’ Opposition im westbengali­schen Provinzparlament! Und um das abstoßende Bild auch nach dieser Seite hin abzurunden, sei darauf hingewiesen, daß auch die ‚Marxisten-Kommunisten’ das ohne jegliches eigene Risiko tun konnten, denn sie wußten einerseits, daß sie mit die­ser populären Forderung erhebliche Sympathien gewinnen würden, daß andererseits aber eine tatsächliche Intervention mit den damit verbundenen lästigen Verwicklungen vollkommen ausgeschlossen war.
Wir sehen also, wie jedermann versucht, auf dem Rücken des bengalischen Volkes sein Schäfchen ins Trockene zu bringen und wie jedermann dabei auf seine Kosten kommt – mit Aus­nahme der Beteiligten.

  1. Im Zusammenhang mit der ersten Phase des sowjetisch-chinesischen Konfliktes entwickelte sich An-fang der 60er Jahre in der indischen KP eine Spaltung. Die linke Mehrheit stand zunächst eindeutig auf Seiten Pekings, was u.a. in ihrer prinzipiell korrekten Position des revolutionären Defäitismus im indisch-chinesischen Krieg 1962 zum Ausdruck kam. Der rechte Flügel unter Dange unterstützte in diesem Krieg offen die eigene Bourgeoisie und läßt bis heute keine Gelegenheit aus, um sich der Kon¬greßpartei anzubiedern.
    Der Opportunismus der ‚Marxistischen KP’ besteht demgegenüber in einer Koalitionspolitik, die sich in erster Linie die Schwächung des Kongresses auf der parlamentarischen Ebene zum Ziel setzt und, um das zu erreichen, auch vor Bündnissen mit ausgesprochen reaktionären Kräften nicht zurückschreckt. Die Logik dieser Haltung hat die ‚Marxistische KP’ seit Anfang der 60er Jahr beträchtlich nach rechts gehen lassen. []

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