1971/72: Die bengalische Tragödie / Wohin geht Bangla Desh? / Marxismus und nationale Frage

MARXISMUS UND NATIONALE FRAGE

Bengalen: Marxismus und nationale Frage

Als seinerzeit deutlich wurde, daß die VR China entschlossen war, im Konflikt zwischen dem bengalischen Volk und der Militärdiktatur Yahya Khans ihre Großmachtinteressen über die Interessen der Revolution zu stellen und sich auf die Seite der westpakistanischen Soldateska schlagen würde, zweifelten wir nicht daran, daß es den westdeutschen Volkskriegs-Enthusiasten auch diesmal gelingen würde, ihre ‚marxistisch-leninistischen’ Prinzipien mit dieser neuen opportunistischen Wendung der chinesischen Außenpolitik auszusöhnen. Immerhin konnten die meisten „ML“-Gruppen jedoch eine gewisse Verlegenheit nicht verhehlen – freilich mit Aus­nahme der gleichermaßen zynischsten und überheblichsten unter ihnen, der Westberliner KPD-OO. In ihrer übergroßen Eile, ihre Servilität gegenüber der chinesischen Diplomatie erneut unter Beweis zu stellen, wartete sie nicht einmal die offiziellen Rechtfertigungs-Floskeln der Peking Rundschau ab, sondern machten sich daran, eine eigene ‚marxi­stisch-leninistische’ Begründung aufzutischen – nachzulesen in der Roten Pressekorrespondenz Nr. 116. In demselben Text, der völlig kor­rekt das bisherige Verhältnis Ostbengalens zu Westpakistan als das einer „inneren Kolonie“ beschreibt, rechtfertigen dieselben Leute, die bislang noch immer das Bündnis mit irgendwelchen „fortschrittlichen Prinzen“ für wichtiger gehalten haben als die historischen Interessen der Arbeiter­klasse und der unterdrückten Bauernmassen, ihre Stellungnahme gegen die bengalische Unabhängigkeitsbewegung damit, daß deren Führung vor­läufig noch immer in den Händen der Awami Liga liege, und da dies eine Partei der ostbengalischen Bourgeoisie sei, die ja nur die Herrschaft des westpakistanischen Kapitals durch ihre eigene ersetzen wolle, könnten die Kommunisten eine solche Bewegung unter keinen Umständen unter­stützen!
Es hat ja wirklich lange gedauert, bis diese bedingungslosen Anhänger jedweder ‚nationalen’ oder sonstwelchen ‚Volksfront’ begriffen haben, daß die sogenannte ‚nationale Bourgeoisie’ natürlich auch im Rahmen der nationalen Unabhängigkeitsbewegung in erster Linie ihre eigenen, d.h. ihre Ausbeuterinteressen verfolgt. Die ‚nationale Unabhängigkeit‘ schwebt eben nicht „über den Klassen“ und setzt den Klassenkampf keineswegs außer Kraft. Aber ach – selbst dieser unverhoffte Rückgriff auf den Klassenstandpunkt dient dem einheimischen ‚Marxismus-Leninismus’ nur wieder zur Bemäntelung seiner eigenen, bis in die Knochen opportu­nistischen Politik!

Lenin und das Selbstbestimmungsrecht der Nation

Aber beleuchten wir doch das scheinbar so radikale und prinzipienfeste Argument der KPD-00 einmal etwas gründlicher mit dem Lichte der marxistischen Theorie! Dabei werden wir finden, daß ein ähnlicher Standpunkt in der Diskussion unter Marxisten keineswegs neu ist, ja er hat sogar am Anfang des 1. Weltkrieges in der berühmten Auseinander­setzung zwischen Lenin und Rosa Luxemburg über das Selbstbestimmungs­recht der Nationen eine nicht unwesentliche Rolle gespielt. Es wird die ‚Theoretiker’ der KPD-00 hoffentlich nicht kränken, wenn wir daran erinnern, daß es eben nicht Lenin, sondern Rosa gewesen ist, die diesen Standpunkt mit der ihr eigenen Heftigkeit vertreten hat – und sich dafür den sarkastischen Spott Lenins gefallen lassen mußte! Lenin jedenfalls machte sich keine Illusionen über die Motive, die die ‚nationale Bourgeoisie’ zur Teilnahme an der nationalen Bewegung ver­anlassen, und er wußte, daß sie alles andere als menschenfreundlich waren: „Jede Bourgeoisie will in der nationalen Frage entweder Privilegien für ihre eigene Nation oder exklusive Vorteile für sie“; das Proletariat jedoch „ist gegen jedes Privileg, gegen jede Exklusivität“.1 Und dennoch war es gerade Lenin, der das marxistische Postulat der unbedingten Aner­kennung des Rechts einer jeden Nation auf Selbstbestimmung, d.h. auf Bildung eines eigenen Staatswesens, geprägt hat – und das, obgleich ihm völlig klar war, daß die Bourgeoisie „am Anfang jeder nationalen Bewe­gung natürlicherweise als deren Hegemon (Führer) auftritt“! Wie das?! Soll das etwa heißen, daß die Arbeiterklasse ‚am Anfang jeder nationalen Bewegung’ ihre Klasseninteressen ‚natürlicherweise’ hinter die der „führenden“ Bourgeoisie zurückstellen müsse?! Das ist freilich die Alternative für alle jene „Leninisten“, die wie die KPD-OO durch die metaphysische Schule Josef Stalins gegangen sind: Entweder Kapitu­lation und bedingungslose Unterordnung unter die bürgerlichen, wenn nicht gar feudalen „Führer“ der nationalen Bewegung – oder Leugnung des Rechts auf Selbstbestimmung. Prinz Sihanouk oder Yahya Khan – mehr hat im stalinistischen Weltbild keinen Platz. Aber das ist eben nicht Lenin, sondern Stalin. Lenin nämlich wußte als guter Dialektiker, daß sich ein dermaßen historisch bedingtes Phäno­men wie die nationalen Bewegungen nicht mit ewigwährenden, eben [9] metaphysischen ‚Prinzipien’, sondern nur mittels einer konkreten Analyse der konkreten Bedingungen meistern läßt:
„Eine unbedingte Forderung der marxistischen Theorie bei der Unter­suchung jeder wie immer gearteten Frage ist, sie in einen bestimmten historischen Rahmen zu stellen und ferner, wenn es sich um ein Land handelt (zum Beispiel um das nationale Programm für ein bestimmtes Land), die konkreten Besonderheiten zu berücksichtigen, die dieses Land innerhalb ein und derselben historischen Epoche von anderen Län­dern unterscheiden.2
Es geht Lenin also keineswegs darum, daß die Kommunisten stets und unter allen Umständen die Bestrebungen eines Volkes nach Lostrennung vom bisherigen Staatsverband selbst aktiv unterstützen müßten – das hängt allein von den konkreten Umständen ab, die darüber bestimmen, ob eine nationale Unabhängigkeitsbewegung unter den gegebenen Bedin­gungen eine progressive oder eine reaktionäre Rolle spielt. Lenin sträubt sich gerade gegen den überaus doktrinären Versuch Rosa Luxemburgs, aus einer allgemeinen Einschätzung der imperialistischen Epoche, aus allgemeinen Aussagen über den Charakter der „nationalen“ Bourgeoisie direkt, ohne jede historische Vermittlung, konkrete Schlußfolgerungen für eine bestimmte nationale Bewegung abzuleiten.
Während Lenin also die Entscheidung darüber, ob die Kommunisten unter bestimmten Umständen selbst die Losung der staatlichen Lostren­nung ausgeben und unterstützen, einer konkreten Analyse der historischen Bedingungen vorbehält, beharrt er doch nicht minder entschlossen auf der bedingungslosen Anerkennung des Rechts einer jeden Nation, über ihr Schicksal, über ihre Staatsform selbst zu entscheiden. Sollte also eine unterdrückte Nation die Bildung eines Separatstaates beschließen, obwohl die Kommunisten darin im konkreten Fall eine Zersplitterung der ein­heitlichen Front der Arbeiterklasse sehen, so hätten sie dennoch die Pflicht, ihr Recht auf Lostrennung zu verteidigen und es gegebenenfalls gegen den Versuch einer gewaltsamen Rückeroberung durch ihre bisheri­gen Unterdrücker mit der Waffe in der Hand zu verteidigen. Aber ist das nicht ein Widersinn? Angenommen, eine bislang unterdrück­te Nation weigert sich, der Nation ihrer bisherigen Unterdrücker auf dem Weg in die proletarische Revolution zu folgen und beharrt darauf, sich ihren eigenen, bürgerlichen Staat zu geben – wie das z.B. nach der Oktoberrevolution in Polen geschah?! Soll man der proletarischen Revo­lution im Ernst zumuten, unter solchen Verhältnissen der unterdrückten Nation ein unveräußerliches „Anrecht“ auf ihre eigene einheimische Konterrevolution zuzugestehen? Diese Frage stellte auch Rosa Luxem­burg, und die spätere Geschichte hat gezeigt, wie real dieser scheinbare Widerspruch in Lenins Position gewesen ist. Und dennoch bekräftigte Lenin seinen Standpunkt: Ja, auch in einem so ungünstigen Fall bleibt der proletarischen Partei keine andere Wahl, als das Recht auf nationale Unabhängigkeit anzuerkennen und zu respektieren.
Denn worum geht es der Arbeiterklasse eigentlich, wenn sie gegenüber der nationalen Frage Stellung bezieht? Etwa um irgendein ewiges, über­historisches, vielleicht gar moralisches „Prinzip“? Weit gefehlt, denn als einzige internationale Klasse der Geschichte hat das Proletariat selbstver­ständlich keine eigenen nationalen Interessen zu vertreten: „Für das Pro­letariat sind sie den Interessen des Klassenkampfes untergeordnet.“ Denn: „Dem Lohnarbeiter ist es ganz gleichgültig, ob er vorwiegend von der großrussischen Bourgeoisie ausgebeutet wird, die gegenüber der fremd­stämmigen den Vorrang hat, oder von der polnischen Bourgeoisie, die gegenüber der jüdischen den Vorrang hat usw.“3 Es geht darum, welcher Taktik es der proletarischen Partei erlaubt, ihrer Hauptaufgabe – der Vereinigung der gesamten Arbeiterklasse auf dem Boden des kommu­nistischen Programms und die Gewinnung der anderen unterdrückten Schichten des Volkes für die Sache des Proletariats – einen Schritt näher zu kommen; welche Taktik es also der kommunistischen Partei ermög­licht, den Versuch der Bourgeoisie der unterdrückten Nation zu vereiteln, ihre Arbeiter gegen ihre Klassenbruder, die Arbeiter der unterdrückten Nation, auszuspielen und so die einheitliche Kampffront der ganzen Klasse zu zersplittern.
Und eben dieses Ziel kann die kommunistische Partei gerade nicht er­reichen, wenn sie sich tatsächlich oder auch nur scheinbar in den Dienst der chauvinistischen Propaganda der Unterdrücker stellt und ihnen bei ihrem Versuch, unter dem Firmenschild „Einheit der Nation“ die Jagd­gründe ihrer Ausbeutung unversehrt zu erhalten, auch noch behilflich ist. Gerade durch eine solche Haltung würde die proletarische Partei die Arbeiter und noch viel mehr die Massen des unterdrückten Kleinbürger­tums umso sicherer den nationalistischen Rattenfängern der „eigenen“ Bourgeoisie in die Arme treiben, denn der erklärte Internationalismus des kommunistischen Programms müßte ihnen als eine ganz besonders heuchlerische Maskierung der Ausbeuterinteressen der unterdrückenden Nation erscheinen. Allein wenn die Kommunisten bedingungslos das Recht der unterdrückten Nation auf staatliche Selbständigkeit anerken­nen, gewinnen sie in den Augen der unterdrückten Nation das Recht, darüber mitzureden, ob im konkreten Fall die staatliche Unabhängigkeit tatsächlich im Interesse der Arbeiter, Bauern und unterdrückten Klein­bürger liegt, oder ob sie nicht doch wieder ausschließlich der Ausbeuterklasse zugute kommt. So erwirbt sich die proletarische Partei schließlich auch das Recht, im gegebenen Fall gegen die Losung der staatlichen Selbständigkeit Stellung zu nehmen.
Denn ebenso wenig, wie das grundsätzliche Recht auf Ehescheidung den einzelnen Ehepartner verpflichtet, seine Ehe aufzulösen, ist das Recht auf staatliche Selbständigkeit eine Verpflichtung zur Sezession:
„Es ist nicht schwer zu begreifen, daß die Anerkennung des Rechts der Na­tionen auf Lostrennung durch die Marxisten ganz Rußlands und in erster Linie durch die großrussischen keineswegs ausschließt, daß die Marxisten dieser oder jener unterdrückten Nation gegen die Lostrennung agitieren.“4
Anders als seinerzeit Lenin, müssen wir heute sogar annehmen, daß der Sache der polnischen und der internationalen Revolution mehr gedient gewesen wäre, wenn die gesamte polnische Sozialdemokratie ebenso wie Rosa Luxemburg entschlossen gegen die Lostrennungs-Parolen ihrer chau­vinistischen großen und kleinen Bourgeois Stellung bezogen hätte! Hätte die Bildung eines bürgerlichen polnischen Nationalstaats im Gefolge der russischen Revolution verhindert werden können – kein Zweifel, daß das Gesicht der Welt heute anders aussähe!
Spanien steht heute unterm Gesichtspunkt der nationalen Frage vor fast denselben Problemen wie einst Polen, das ja den industriell fortgeschritten­sten Teil des Zarenreichs ausmachte und deshalb über die kämpferischste Arbeiterklasse verfügte. Was Leo Trotzki 1931 über die nationale Bewe­gung Kataloniens geschrieben hat, gilt noch heute unverändert – und nicht mehr nur für Katalonien, wo der Nationalismus erheblich an Vitali­tät eingebüßt hat, sondern umso mehr im Baskenland: „Katalonien bildet die Avantgarde. Wenn diese Avantgarde jedoch nicht Schulter an Schulter mit dem Proletariat, und weiter auch mit der Bauernschaft von ganz Spanien gehen wird, so wird die katalanische Be­wegung bestenfalls als grandiose Episode im Stile der Pariser Kommune enden. Der nationale Konflikt kann den Kampfkessel so erhitzen, daß die katalanische Explosion erfolgt, lange bevor die Situation in Spanien für die zweite Revolution reif wird. Es wäre das größte historische Un­glück, wenn das katalanische Proletariat unter dem Einfluß nationalen Siedens und Garens sich auf den Weg des Entscheidungskampfes locken lassen würde, bevor es ihm gelungen ist, sich mit dem Proletariat ganz Spaniens zu vereinigen.
Worin besteht die Gefahr der kleinbürgerlichen nationalen Illusionen? Darin, daß sie imstande sind, das Proletariat Spaniens in verschiedene nationale Richtungen zu spalten. Das ist eine sehr ernste Gefahr. Aber die spanischen Kommunisten können gegen diese Gefahr nur auf eine Weise mit Erfolg kämpfen: indem sie schonungslos die Gewalttaten der Bour­geoisie der herrschenden Nation entlarven und sich dadurch das Vertrau­en des Proletariats der unterdrückten Nationalitäten erobern. Jede andere Politik wäre gleichbedeutend mit der Unterstützung des reaktionären Na­tionalismus der imperialistischen Bourgeoisie der herrschenden Nation gegen den revolutionär-demokratischen Nationalismus des Kleinbürger­tums der unterdrückten Nation.“5
Eigentlich könnte unsere Darstellung hier abbrechen, denn Lenins wesent­liche Argumente sind ebenso einfach wie schlagend, und man sollte nicht meinen, daß sie noch des Kommentars bedürfen. Jedenfalls ist die politische und intellektuelle Korruptheit jener Verehrer der Maotsetung-ideen, die imstande sind, ihren Lenin auf den Kopf zu stellen und, wo nötig, von innen nach außen zu krempeln, wenn es die Zufälligkeiten der Pekinger Diplomatie erheischen, bis aufs Hemd entlarvt. Beiläufig sei noch bemerkt, daß sie ebenso jene selbsternannten „Trotzkisten“, die mit dem großen Namen Vierte Internationale hochstapeln, der Lächerlichkeit preisgeben, die sich angesichts der Massaker in Biafra verlegen den Kopf kratzten, weil sie nicht wußten, welcher Seite sie opportunerweise ihre mehr oder weniger „kritische“ Unterstützung angedeihen lassen sollten, und die kein Sterbenswörtchen über die Lippen brachten, bis der Sieger endlich feststand, und auch danach höchstens ein paar elegische Seufzer über die Schlechtigkeit des Imperialismus, namentlich des franzö­sischen, hinterdreinschickten. Recht der Ibos auf nationale Selbstbe­stimmung? Nie von gehört! Die momentanen Erfordernisse der Rekrutierungspolitik: „Absahnen, wo es was abzusahnen gibt“ – haben es zuwege gebracht, daß ausgerechnet diese „internationalen Marxisten“ heute ein schrilles Geschrei anstimmen ob der Verrätereien der chinesischen Außen­politik. Wer im Glashaus sitzt…! Wo mögen sie nur die derzeit so ge­räuschvoll zu Markte getragenen proletarisch-internationalistischen ‚Prinzipien’ in der Zeit des nigerianischen Bürgerkrieges vergraben haben?

Wie Lenin von Stalin verbessert wurde…

Wie gesagt – wir könnten an dieser Stelle eigentlich abbrechen – könn­ten – wenn nicht der Marxismus in den letzten vier bis fünf Jahrzehnten von jener Nervenkrankheit heimgesucht worden wäre, die wir Stalinismus nennen. Ebensowenig wie jedes andere Problem der marxistischen Theorie hat die nationale Frage diese schwere Prüfung unversehrt überstanden, [10] und deshalb bedürfen die einfachen und klaren Gedanken Lenins heute, nach fast sechzig Jahren, doch wieder einer ausführlichen theoretischen Erläuterung.
Schon als jungem Menschen war dem Josef Stalin nämlich die dialekti­sche Denkweise seines damals noch respektierten Lehrers Lenin nicht recht geheuer. Daß ein konkretes nationales Problem in jedem einzelnen Falle einer erneuten konkreten Prüfung bedürfe, erschien seinem über die Maßen scholastischem Verständnis der marxistischen Theorie bereits 1913 nicht ‚prinzipienhaft’ genug. Und so ging er daran, seinen Meister Lenin dahingehend zu verbessern, daß er nach einigen ewigwährenden Kriterien suchte, nach denen zu entscheiden wäre, was denn eigentlich eine Nation sei, und wer denn nun eigentlich das ‚Recht’ auf nationale Selbstbestim­mung hätte. Daß eben die ‚Nation’ ein historisch gewachsenes, mit der Herausbildung der bürgerlichen Gesellschaft unlösbar verknüpftes Phäno­men ist, wollte seiner recht einfachen Denkungsart nicht in den Sinn. Und so entschied er, vom Olymp dessen herab, was er unter marxistischer Theorie verstand, daß sich die ‚Nation’ in folgenden – summa summarum sieben – Merkmalen ein für alle Mal ‚erschöpfe“: „Eine Nation ist eine historisch entstandene stabile Gemeinschaft von Menschen, entstanden auf der Grundlage der Gemeinschaft der Sprache, des Territoriums, des Wirtschaftslebens und der sich in der Gemeinschaft der Kultur offenbarenden psychischen Wesensart.“6
Und um auch künftigen Generationen von Marxisten unnötiges Nach­denken vorderhand zu ersparen, fügte er der größeren Einfachheit halber erklärend hinzu:
„Es muß hervorgehoben werden, daß keines der angeführten Merkmale, einzeln genommen, zur Begriffsbestimmung der Nation ausreicht. Mehr noch: Fehlt nur eines dieser Merkmale, so hört die Nation auf, eine Nation zu sein.“ (a.a.O.)
Wir wollen uns hier nicht weiter an der inneren Ungereimtheit dieser ‚Position’ aufhalten (z.B. Welche andere „psychische Wesensart“ kann ein Volk für den Materialisten denn wohl noch aufweisen, als „die in der Gemeinschaft der Kultur“ – d.h. in der gemeinsamen Geschichte und der gemeinsamen Sprache – „sich offenbarende“?!). Eines hat diese undialektische Verkrüppelung von Lenins Gedanken innerhalb der kom­munistischen Weltbewegung immerhin bewirkt: Ging es Lenin noch darum, auf der Grundlage unbedingter Anerkennung des Selbstbestimmungsrechts einer jeden Nation erst konkret zu entscheiden, ob eine bestimmte Unabhängigkeitsbewegung vom Standpunkt der proletarischen Klasseninteressen fortschrittlich sei oder nicht, verkürzt sich nach Stalin die ganze Frage darauf, wem man das Recht zugesteht oder streitig macht, sich ‚Nation’ nennen zu dürfen. Der Notwendigkeit einer konkreten histo­rischen und materialistischen Analyse ist man damit glücklich enthoben. Man braucht bloß noch nachzuschauen: Erfüllt diese oder jene Volks­gruppe unsere ewigwährenden sieben Kriterien oder fehlt da etwa eines? Sind alle sieben voll – sollen sie in Gottes Namen ihre Unabhängigkeit haben; aber fehlt da auch nur ein einziges – wehe ihnen!
Und dabei erweisen sich diese scheinbar so zeitlosen Maßstäbe als so subjektiv wie nur irgend möglich. In ihrer grenzenlosen Dehnbarkeit geben sie eine prächtige ‚theoretische’ Grundlegung ab für die Willkür und den Opportunismus der sowjetischen Außenpolitik seit Stalins Sieg. Man muß nicht mehr marxistisch begründen, weshalb man diese Unabhängigkeitsbewegung (einschließlich ihrer bürgerlichen Führung) unterstützt (und unter welchen Bedingungen), jene andere dagegen nicht – sondern man muß nur noch konstatieren, daß alle Kriterien vollzählig versammelt sind; und wenn die außenpolitische Opportunität erheischt, einer bestimm­ten Unabhängigkeitsbewegung in den Rücken zu fallen – dann behauptet man schlicht, eines der heiligen Kriterien fehle. Was bedeutet es zum Bei­spiel, wenn man im Zeitalter des Imperialismus von irgendeiner nationalen Minderheit verlangt, sie solle ein „gemeinsames Wirtschaftsleben“ vor­ weisen? Über ein besonderes, eigenes Wirtschaftsleben verfügt unter den Bedingungen des imperialistischen Weltmarkts selbst die souveränste kapitalistische Nation nicht! Verlangt man also von der unterdrückten Minderheit, sie solle ein anderes als das kapitalistische Wirtschaftssystem vorzeigen können?! Oder sollen sie gar nachweisen, daß z.B. das baskische Volk (Nordwestspanien) über eine komplette eigene kapitalistische Klassenstruktur verfüge, daß also die baskischen Arbeiter von ihren ‚eigenen’ den baskischen Kapitalisten ausgebeutet werden?! Aber eben dann würde es sich doch am allerwenigsten um eine unterdrückte Nation handeln! ‚Nationale Unterdrückung’ soll doch gerade heißen, daß ein Volk von einer anderen Nation ausgebeutet wird…
Nicht besser steht es mit den anderen ‚Merkmalen’. So haben wir seiner­zeit hören können, man könne den Ibos in Nigeria (bzw. in Biafra) des­wegen den Titel ‚Nation’ und folglich auch das Selbstbestimmungsrecht nicht zugestehen, weil sie angeblich keine gemeinsame Kultur, kein ge­meinsames Wirtschaftsleben, zunächst nicht einmal ein gemeinsames Terri­torium gehabt hätten oder weil sie einfach… keine „historisch entstan­dene stabile Gemeinschaft“ wären – und schon das Fehlen eines einzigen Merkmals sollte ja ausreichen, dieses Volk als Nation zu disqualifizieren. Dasselbe Geschäft kann man natürlich ebenso leicht mit den ostpakista­nischen Bengalen besorgen – aber dummerweise auch mit den Deutschen, Engländern oder Franzosen. Wie ist es denn mit der „Stabilität“ der Ge­meinschaft der ‚deutschen Menschen’ bestellt – gar nicht zu reden von der ‚historischen Gewachsenheit’?! War nicht stets die ‚Gemeinschaft der Kultur‘ und noch mehr die der ‚psychischen Wesensart’ unter den deut­schen Stämmen eine ziemlich heikle Angelegenheit? Hat es folglich nie eine deutsche Nation gegeben?!
Wir sehen also – mit Stalins ‚Merkmalen’ kann man alles und nichts begründen. Sie sind die ideale Rechtfertigung für eine Außenpolitik, die schon längst nicht mehr an den historischen Interessen des Weltproleta­riats orientiert ist, sondern an den kleinlichen und eigensüchtigen Inter­essen einer verselbständigten Bürokratenkaste. Damit sei nicht gesagt, daß Josef Stalin bereits 1913, als ihm Lenin noch über die Schulter schaute, den Plan zu seinen späteren Verrätereien fertig in der Tasche gehabt hätte; andersrum: Es ist gewiß kein Zufall, daß im Verlauf der bürokratischen Konterrevolution in Sowjetrußland gerade einem Mann vom intellektu­ellen Schlage eines Stalin die Rolle des Bonaparte zufiel…

Die historische Bedingtheit der nationalen Frage

Wie auf so vielen anderen Gebieten der kommunistischen Theorie müssen wir praktisch auch hier wieder an den allerersten geschichtlichen Voraus­setzungen neu anknüpfen, wenn wir den Marxismus aus der Schutthalde befreien wollen, unter der ihn vier Jahrzehnte Stalinismus begraben haben. Kaum ein marxistischer Terminus wird noch mit dem begrifflichen Inhalt in Zusammenhang gebracht, der ihm ursprünglich zugedacht war. Es reicht leider nicht mehr aus, bloß zu wiederholen, daß der Marxismus ‚jede wie immer geartete Frage’ stets in einen ‚bestimmten historischen Rahmen stellt‘ und dabei die ‚konkreten Besonderheiten berücksichtigt’, die eine bestimmte Frage unter je verschiedenen Bedingungen im einzelnen Fall kennzeichnen; sogar eine solche, kaum mißverständliche Aussage ist zur Leerformel erstarrt. Man wird vordemonstrieren müssen, wie eine historische und materialistische Analyse konkret vorgeht. [11]
Wir werden zunächst feststellen können, daß das Problem der Nation, ja sogar der Begriff selbst, erst mit dem Aufstieg der bürgerlichen Gesell­schaft im Schoße der feudalen Ordnung auftaucht. Die feudale Welt kennt Reiche, aber keine Nationen. Es fällt niemandem störend auf, daß unter derselben königlichen Herrschaft Völker verschiedenster Kultur und Sprache vereinigt sind. Grundlage der Staatsbildungen ist nicht die Natio­nalität, sondern sind dynastische Erbfolge und Eroberung. Der Begriff der Nation ist die ideologische Waffe, die sich die aufstrebende Bourgeoi­sie eigens zum Kampf gegen die ständisch-absolutionistische Ordnung ge­schmiedet hat, deren Zwangsjacke ihr längst zu eng geworden war. Und unter diesem Begriff verbirgt sich sowohl das wesentliche gesellschaftliche Interesse, durch welches die Bourgeoisie in Gegensatz zum System der Stände und Zünfte und der damit verbundenen Privilegien geraten war, als auch die politische Form, unter der sie dieses gesellschaftliche Interesse zu verwirklichen gedachte: Auf der einen Seite zielt die Losung der Nation auf die Herstellung eines einheitlichen, überschaubaren und nach außen abgesicherten Marktes – und damit gegen die Kleinstaaterei, Privi­legien einzelner Provinzen, einen undurchdringlichen Wald innerer Zoll­grenzen usw. Auf der anderen Seite setzt sie gegen das Prinzip der dynasti­schen Legitimität als Grundlage der Staatsverfassung das Prinzip des Staatsvolks – der „Nation“ eben. Maßstab für die Bildung – und folglich auch die Verfassung – eines Staatsverbandes soll nicht mehr der Willkür der Eheschließungen zwischen den Fürstenhäusern sein (mit all den dazu­gehörigen Erbfolgehändeln), sondern die Gemeinsamkeiten des Volkes, das jenes Staatsgebiet bewohnt. So erweist sich der Begriff der Nation als die unabdingbare ideologische Voraussetzung für das politische Pro­gramm der „Volkssouveränität“, unter deren Fahnen die Bourgeoisie schließlich der absoluten Monarchie und damit den letzten Resten der Feudalität ihr ‚letztes Gefecht’ liefert.7 Ohne die Ideologie des Nationa­lismus wäre die bürgerliche Demokratie schlechterdings unmöglich ge­wesen. Der Nationalismus spielte also – entgegen landläufigen Vorur­teilen – zunächst und vor allen Dingen eine eminent demokratische Rolle.
Es ist auch kein Zufall, daß die Bourgeoisie den einheitlichen Markt zu­nächst in der Form des Nationalstaates anstreben mußte; es ist natürlich auch nicht ausschließlich aus den enormen ideologischen Vorteilen zu er­klären, die die Herauskehrung des Nationalen für die Durchsetzung der politischen Interessen der Bourgeoisie mit sich brachte – Verknüpfung mit der ‚Volkssouveränität“; Möglichkeit, die unterdrückten und ausge­beuteten Volksmassen unter einem gemeinsamen Banner in den Kampf gegen den Absolutismus zu führen usw.
…Dazu hätte – unter rein politischen Gesichtspunkten – notfalls auch ein bloß-demokratisches Programm im Rahmen eines Vielvölkerstaates ausgereicht. Nein, die gegebenen geschichtlichen Bedingungen, unter denen allein ein großer einheitlicher Markt geschaffen werden konnte, machten für sich bereits den nationalen Rahmen des angestrebten Staates unmittelbar notwendig:
„Die ökonomische Grundlage dieser (nationalen, M. W.) Bewegungen be­steht darin, daß für den vollen Sieg der Warenproduktion die Eroberung des inneren Marktes durch die Bourgeoisie erforderlich, die staatliche Zu­sammenfassung von Territorien mit Bevölkerung gleicher Sprache not­wendig ist, bei Beseitigung aller Hindernisse für die Entwicklung dieser Sprache und ihre Entfaltung in der Literatur. Die Sprache ist das wichtig­ste Mittel des Verkehrs der Menschen untereinander; die Einheit der Sprache und ihre ungehinderte Entwicklung bilden eine der wichtigsten Voraussetzungen für einen wirklich freien und umfassenden, dem moder­nen Kapitalismus entsprechenden Handel, für eine freie und umfassende Gruppierung der Bevölkerung nach jeder der einzelnen Klassen, schließ­lich eine Voraussetzung für die enge Verbindung des Marktes mit jedem, auch dem kleinsten Unternehmer, mit jedem Verkäufer und Käufer.“ (Lenin)8
Sobald jedoch die Bourgeoisie unter den demokratischen Losungen die Staatsmacht erobert hat, in dem Maße, wie sie ihre Herrschaft über die ‚Demokratie’ konsolidieren und den inneren Markt erschließen und aus­schöpfen kann, streift natürlich die nationalistische Ideologie ihre einstmals fortschrittliche Rolle ab – genauso, wie die Bourgeoisie schließlich selbst aufhört, eine geschichtlich vorwärtstreibende Kraft zu sein. Unter dem Banner der Nation sollen die Massen nun nicht mehr für den gemeinsamen Kampf gegen die einheimische Reaktion, sondern für den Kampf gegen die… ausländische Konkurrenz gesammelt werden! Der Nationalismus ist von nun an das Mittel, mit dem eine jede nationale Bourgeoisie die Arbeiterklasse, die Volksmassen für ihre imperialistischen Eroberungspläne einzuspannen sucht. Welchen Erfolg sie dabei bislang gehabt hat, ist allenthalben bekannt…
Rosa Luxemburg zog daraus die Schlußfolgerung, daß seit dem Eintritt des Kapitalismus in sein höchstes, imperialistisches Stadium jede natio­nale Bewegung vollständig reaktionär sei, insbesondere auch die natio­nalen Bewegungen in bislang unterdrückten Ländern:
„In all den kleinen, jungen Bourgeoisien, die nun zum selbständigen Dasein streben, zittert nicht bloß der Wunsch nach Gewinnen ungehemm­ter und unbevormundeter Klassenherrschaft, sondern auch nach den so lang entbehrten Wonnen der eigenhändigen Erdrosselung des Todfeindes – des revolutionären Proletariats, welche Funktion sie bis jetzt einem ungefügten staatlichen Apparat der Fremdherrschaft überlassen mußten. Haß wie Liebe läßt man ungern durch Dritte ausüben.“9
Aber mit dieser Erkenntnis, daß jede Bourgeoisie stets und unter allen Umständen ihre eigenen Klassenziele verfolgen wird, und daß diese Klassenziele nicht gerade von nationalem Opfermut und von Hochherzig­keit gegenüber der Arbeiterklasse geprägt sind, ist noch nicht viel gewon­nen; geht es doch sehr konkret darum, welche Haltung die Kommunisten einer unterdrückten Nation gegenüber einer real vorhandenen und kämp­fenden nationalen Volksbewegung einnehmen sollen. Eine „Nationale Front“ mit der Bourgeoisie stand für revolutionäre Marxisten niemals ernsthaft zur Debatte – das unterscheidet uns ja gerade von der vormaligen KPD/AO, die im Fall Bengalen die Ansichten der Genossin Rosa zu einer unverhofften Auferstehung verhalf (s.o.), ohne daß sie ihren Namen freilich auszusprechen wagte. Die Stellung der Kommunisten zur nationalen Frage ist ja gerade bestimmt von dem Bestreben, die klein­bürgerlichen, namentlich die bäuerlichen Volksmassen aus dem Schlepptau der einheimischen Bourgeoisie zu befreien und für die Sache der Arbeiter­klasse zu gewinnen. Wenn es diesen ‚nationalen Bourgeois’ immer und immer wieder gelingt, breiteste Volksmassen unter demokratisch-natio­nalen Losungen ins Schlepptau zu nehmen und sich damit eine regelrechte Massenbewegung schaffen, wie in Ostbengalen, dann muß das ja wohl irgendwelche gesellschaftlichen Ursachen haben, und die Kommunisten täten gut daran, diesen in ihrer Taktik Rechnung zu tragen!

  1. Lenin, Ausgewählte Werke in III Bd., 1/697 [= LW 20, 212. Anm. SpaBu-Doku.] []
  2. ebda, S. 688 [= LW 20, 403. Anm. SpaBu-Doku.] []
  3. ebda, S. 711 [= LW 20, 438. Anm. SpaBu-Doku.] []
  4. ebda, S. 738; vgl. auch S. 717! [= LW 20, 458, FN * und 437 f. Anm. SpaBu-Doku.] []
  5. Trotzki, Die span. Revolution und die ihr drohenden Gefahren, Bln. 1931, S. 31 ff. []
  6. J. Stalin, „Marxismus und nationale Frage“, zit. nach d. gleichnam. Broschüre d. „Notwehr“-Verlags, Münster o.J., S. 8 [im internet unter: http://www.stalinwerke.de/band02/b02-050.html und http://www.stalinwerke.de/band02/band02.pdf, S. 165. Anm. SpaBu-DoKu.] []
  7. Das heißt nicht, daß es nicht auch schon vor dem Aufstieg der Bourgeoi¬sie Unabhängigkeitskriege gegen fremde Eroberung gegeben hätte. Aber das hat nichts mit ‚Nation’ zu tun; hier handelt es sich um Abwehrkämpfe einzelner Stämme oder Stammesverbände, die ihre rückständige – patriar¬chalische usw. – Gesellschaftsform gegen das Eindringen überlegener Kulturen zu verteidigen trachten. Beispiele: Friesen u. Sachsen gegen Karl d. Großen, Eidgenossen gegen Habsburgerreich, schottische Hoch¬länder gegen Engländer… []
  8. Lenin, op. cit., S. 684 [= LW 20, 398 f. Anm. SpaBu-Doku.] []
  9. R. Luxemburg, Fragment über Krieg, nationale Frage und Revol., in: R.L., Schriften Bd. III, Ffm. 1968, S. 147 f. []

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