1971/72: Die bengalische Tragödie / Wohin geht Bangla Desh? / Marxismus und nationale Frage

Marxismus und nationale Frage. Teil II

‚Nationale Unabhängigkeit’ als Problem der unvoll­endeten bürgerlichen Revolution

Abstrakt gesprochen ist es natürlich richtig, daß unter den Bedingungen des Imperialismus eine wirkliche nationale Unabhängigkeit im Rahmen des kapitalistischen Weltmarkts nicht möglich, und daß deshalb der Natio­nalismus eine utopische, die Massen verwirrende, also reaktionäre Ideo­logie ist, auch in den unterdrückten Nationen. Wenn aber die demokrati­schen und nationalen Parolen ihre Anziehungskraft für die Massen dieser Nationen noch immer nicht erschöpft haben, so liegt das zunächst ganz einfach daran, daß die bürgerliche Revolution dort noch nicht erschöpft ist Die einheimischen Bourgeoisien stehen noch immer vor denselben Problemen, die die europäischen und amerikanischen Bourgeoisien bereits vor Jahrhunderten gelöst haben: Sie haben noch immer keinen inneren Markt, auf dem sie von der vernichtenden Konkurrenz der imperialisti­schen Länder weitgehend abgeschirmt sind, schaffen können, und eben­sowenig haben sie vermocht, mittels demokratischer Verfassungen den Staatsapparat unter ihre Kontrolle zu bringen und ihn als Waffe gegen das imperialistische Kapital zu wenden. Noch immer liegt die politische Macht weitgehend in den Händen der alten „Oligarchien“ aus Großgrund­besitz, Kompradoren-Schichten und Rohstoffproduzenten, die alle un­mittelbare Sachwalter des ausländischen Kapitals sind. So ist also auch [12] hier die Schaffung des inneren Marktes noch eng mit der Demokratisie­rung des Regimes verknüpft.
Wir brauchen hier nicht besonders zu untersuchen, wie weit diese nationa­len Bourgeoisien ihrerseits direkt auf die Unterstützung des Imperialis­mus angewiesen sind und ob sie nicht selber genügend Gründe haben, eine durchgreifende Demokratisierung, ganz zu schweigen von einer revo­lutionären Volkserhebung, zu fürchten; inwieweit sie also überhaupt im­stande sind, konsequent mit den alten Oligarchien zu brechen. Selbst angenommen, diese einheimische Bourgeoisie versteht es, sich ihren eigenen nationalen Staat vollständig Untertan zu machen – hat sie überhaupt eine Chance, sich ökonomisch von den imperialistischen Mächten zu emanzipieren? Sich aus der imperialistischen Umklammerung lösen heißt für eine solche nationale Bourgeoisie, eine selbständige Rolle auf dem Weltmarkt spielen zu können. Die internationale Arbeitsteilung, die Rollenverteilung auf dem Weltmarkt sozusagen, ist jedoch in jahr­zehntelangen, blutigsten Auseinandersetzungen, darunter zwei Weltkrie­gen mit Aberdutzenden von Millionen Toten mühselig zwischen den imperialistischen Großmächten festgelegt worden. Eine neue Nation könnte sich auf dieser Bühne nur unter Anwendung härtesten materiellen Drucks festsetzen, d.h. diese junge kapitalistische Nation müßte von An­beginn stark genug sein, die imperialistischen Mächte mit ihren eigenen Waffen zu schlagen. Das führt zu einem völlig sinnlosen Paradox: Um überhaupt mal die ersten zaghaften Schritte auf dem Weg einer eigenstän­digen, unabhängigen wirtschaftlichen Entwicklung wagen zu können, mußte sich eine solche Nation vom ersten Tag an wie eine imperialistische Großmacht gebärden…
Solange eine abhängige Nation im Rahmen der kapitalistischen Arbeits­teilung verbleibt, solange sie nicht aus dem Weltmarkt ausbricht, bleibt ihr nur die Möglichkeit, die ökonomische Abhängigkeit erträglicher zu ge­stalten, indem sie sich gegen die sie unmittelbar bedrückende imperialisti­sche Macht mit einem anderen, konkurrierenden Imperialismus verbündet: Unter dem Druck der Massen, meint Trotzki, könne sie sich sogar zu einem ‚nationalen Befreiungskrieg’ hinreißen lassen, aber stets nur „gegen eine der imperialistischen Mächte, diejenige, die ihren Geschäften am wenigsten entgegenkommt, und zwar in der Hoffnung, sich in den Dienst einer anderen, großzügigeren Macht stellen zu können.“1 Auf kapitalisti­scher Grundlage kann „nationale Unabhängigkeit“ also höchstens noch ein unablässiges Hin- und Herlavieren zwischen den stärksten konkurrie­renden imperialistischen Mächten bedeuten, es kann sich nur darumdrehen, den Anteil der einen Macht am einheimischen Markt auf Kosten der anderen zu erweitern; diesen Markt aber vollständig der ausländischen Kontrolle zu entziehen und der einheimischen Bourgeoisie zu reservie­ren – wodurch die Ausdehnung des Marktes aufs Land durch die Schaf­fung einer kaufkräftigen Bauernschaft, und also die Bildung eines wirk­lichen „inneren Marktes“ überhaupt erst ermöglicht würde –, bleibt eine reine Utopie.
Eine eigenständige wirtschaftliche Entwicklung, die die Ausnutzung aller vorhandenen Ressourcen und Produktivkräfte einschließlich der brach­liegenden Arbeitskraft von Millionen unterbeschäftigter Bauern erlaubt, würde voraussetzen, daß das Land entschlossen und definitiv aus der von den imperialistischen Großmächten diktierten internationalen Arbeitsteilung ausschert und sich den Gesetzen des Weltmarkts bewußt wider­setzt – und das wiederum ist nicht möglich, solange die Bourgeoisie die Macht behält, deren heißester Wunsch ja eben ist, auf demselben Welt­markt eine gewichtigere Rolle spielen zu dürfen. Die wirklichen Voraus­setzungen für eine ungehinderte Entwicklung der Volkswirtschaft sind, kurz gesagt, die Verstaatlichung des in- und ausländischen Kapitals und die Errichtung eines staatlichen Monopols über den Außenhandel, und eben dies ist das wirtschaftliche Programm der Arbeiterklasse, das nicht anders durchzuführen sein wird als nach der Übernahme der Staatsmacht durch das Proletariat! Auf kapitalistischer Grundlage sind die Probleme der unvollendeten bürgerlichen Revolution nicht mehr zu lösen – allein die Arbeiterklasse ist imstande, die bürgerliche Revolution ‚zu Ende zu führen’… indem sie sich auf den Weg der sozialistischen Revolution begibt.
„Die Eingliederung der verspäteten nationalen Revolution in die prole­tarische Revolution hat ihre internationale Gesetzmäßigkeit. Während im 19. Jahrhundert die Hauptaufgabe der Kriege und Revolutionen noch immer darin bestand, den Produktivkräften den nationalen Markt zu sichern, besteht die Aufgabe unseres Jahrhunderts darin, die Produktivkräfte aus den nationalen Grenzen, die für sie eiserne Fesseln geworden sind, zu befreien. Im breiten historischen Sinne bilden die nationalen Revolutionen des Ostens nur Stufen der Weltrevolution des Proletariats, wie die nationalen Bewegungen in Rußland Stufen zur Sowjetdiktatur wurden.“2

Hauptproblem der permanenten Revolution: Bündnis mit der Bauernschaft

Seine ökonomische Grundlage hat der Nationalismus als politische Bewe­gung im Zeitalter des Imperialismus also auch für die abhängigen Länder verloren: Es gibt keinen „nationalen Markt“, der nicht schon längst unter den imperialistischen Mächten aufgeteilt wäre. Selbst die staatliche Selbständigkeit wird unter solchen Bedingungen schließlich zur Farce. Eine bürgerliche oder kleinbürgerliche Partei, die die Massen eines abhängi­gen Landes mit dem Ruf nach „nationaler Industrie“, „wirtschaftlicher Lösung vom Imperialismus“ usw. zu ködern versucht, betreibt im wahr­sten Sinne „Bauernfang“: Eine solche Propaganda kann nur dazu dienen, den bereits geplanten nationalen Ausverkauf an einen der konkurrieren­den Imperialismen zu kaschieren.
Indessen ist es nicht der spezifisch bürgerliche, klassenmäßige Gehalt der nationalistischen Ideologie – Aufbau einer einheimischen Kapitalisten­klasse im Rahmen eines nationalen Marktes – sondern in erster Linie die demokratische Seite des Nationalismus, mit dessen Hilfe die Bourgeoisie die Volksmassen zu Unterstützung ihrer Politik mobilisieren kann: Jeder bürgerliche Nationalismus einer unterdrückten Nation hat einen allgemein demokratischen Inhalt, der sich gegen die Unterdrückung richtet, und diesen Inhalt unterstützen wir unbedingt, schreibt Lenin.3 Weshalb muß die proletarische Partei diesen demokratischen Inhalt in jedem Fall unterstützen?
Das Hauptproblem der Revolution in den abhängigen Ländern ist das Bündnis des Proletariats mit der Bauernschaft. Zwar ist das Proletariat die einzige Klassenkraft, die diesen Nationen einen Weg nach vorn, eine realistischere Zukunftsperspektive weisen kann; aber eben aufgrund der Rück­ständigkeit dieser Länder reicht die Kraft der Arbeiterklasse, auf sich allein gestellt, nicht aus, die Macht der in- und ausländischen Bourgeoisie zugleich zu brechen – die Massenbasis der Revolution kann nur die Bauernschaft stellen, die die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung bildet.
Ein Bündnis zwischen beiden Kräften – oder richtiger: die Einbeziehung der Bauernmassen in den revolutionären Kampf des Proletariats – wird dadurch möglich, daß sich auch das Proletariat zunächst keine rein soziali­stisch-revolutionären Aufgaben stellen kann, sondern selbst noch an den unbewältigten Problemen der bürgerlich-demokratischen Revolution an­knüpfen muß. Man muß sich klar darüber sein, daß die Bauernmassen in diesen Gesellschaften vollkommen außerhalb des kulturellen und umso mehr des politischen Lebens ihrer Nation stehen, daß zudem die äußerst bornierte Tätigkeit des Bauern, das auf ein Minimum reduzierte Maß an Kooperation in der landwirtschaftlichen Produktion stets neu ein extrem partikularistisches Bewußtsein hervorbringt, dessen Horizont selten viel weiter reicht als bis zum Nachbardorf. Die Arbeitsbedingungen dieser Menschen haben sich in Jahrtausenden nur unwesentlich geändert, und in diesen Jahrtausenden haben sie es niemals vermocht, sich als Klasse eine eigene politische Identität zu geben, ja sind aus ihrem eigenen, individua­lisierten Erfahrungsschatz her meist nicht einmal in der Lage, sich selbst als Angehörige eines Staatswesens, geschweige denn als Mitglieder einer Gesellschaft, einer Nation zu begreifen. Politische Verhältnisse nehmen sie stets nur auf der aller elementarsten Ebene wahr: als krasse, unverhüllte Unterdrückung. Die drückendste Last stellen die Besitzverhältnisse auf dem Lande selbst dar – Ausplünderung durch Großgrundbesitzer, reiche Bauern, die meist gleichzeitig als Wucherer auftreten, usw. Hier kann sich die Arbeiterklasse zu allererst als Führer und Wegweiser der Bauernschaft bewähren: Sie allein ist – angesichts der meist engen Verfügung zwischen Großgrundbesitz und ‚nationaler’ Bourgeoisie – bereit und imstande, eine radikale Landreform bis zu ihren letzten Konsequenzen voranzu­treiben. Aber gerade auf dieser Ebene sind die Bauernmassen im allge­meinen nach Jahrtausende währenden bitteren Enttäuschungen stets zwischen bleischwerer Lethargie und ziellosem gewalttätigem Aufbegehren hin- und hergerissen.
Und vor diesem Hintergrund erhält die nationale Bewegung ihre ganze historische Bedeutung; Die Demütigungen, Gemeinheiten und Verbrechen der fremdstämmigen Beamten, die eine Sprache sprechen, die der Bauer nicht versteht, die andere Sitten und kulturelle Gepflogenheiten haben als die Landbevölkerung, die den Bauern wegen seiner fremden Ab­stammung, anderen Kultur, vielleicht auch Religion, und wegen seiner so niedrigen Bildung aus ganzem Herzen verachten – diese Seite der natio­nalen Unterdrückung gehört zur tagtäglich bestätigten Erfahrung eines jeden Bauern. Es ist die nationale Bewegung, die ihm zum ersten Mal das Gefühl gibt, mehr zu sein als ein Vieh, eine eigene Identität zu haben, eine Rolle zu spielen auf dieser Welt, etwas Besonderes zu sein – oder doch immerhin Etwas zu sein…
[13] Diese „nationale Entsklavung“ (Trotzki) der Bauernschaft ist eine der ersten und elementarsten Voraussetzungen dafür, daß das soziale Gewicht dieser Millionenmassen in die Waagschale der Revolution geworfen wer­den kann. Wie kann man von den Volksmassen eine weiterreichende revo­lutionäre Aktivität erwarten, wenn sie sich nicht vorher mindestens aus ihrer unterwürfigen Haltung gegenüber der herrschenden Nation befreit haben? Wie soll revolutionäres Bewußtsein entstehen, solange immer noch widerspruchslos die Privilegien hingenommen werden, die eine be­stimmte Gruppe ausschließlich deshalb genießt, weil sie eine andere Sprache spricht, andere Sitten, vielleicht eine andere Hautfarbe hat – ein­fach, weil sie nun mal das „Herrenvolk“ ist?!
So ist also das erwachende Nationalgefühl in den unterdrückten Völkern eine unabdingbare geistige Voraussetzung für die weitere Entwicklung hin zur sozialen Emanzipation – das gut für die Arbeiterklasse nicht min­der als für die Bauernschaft. Eine proletarische Partei, die das nicht be­greift, die sich dem nationalen Erwachen der Bauernschaft widersetzt, verschließt der Bauernschaft jeden weiteren Zugang zu den Problemen ihrer Befreiung aus ewig währender Knechtschaft und will sie wieder in ihre bisherige Geschichtslosigkeit, in ihr gewohntes gesellschaftliches Nichtsein zurückstoßen. Im Namen lebloser proletarisch-internationalisti­scher „Prinzipien“ verzichtet sie darauf, die Bauernschaft auf den Weg der sozialistischen Revolution zu führen – und verzichtet damit praktisch auf die Revolution selbst.
Natürlich hat das Proletariat keine eigenen nationalen Interessen zu ver­treten: „Der Arbeiter hat kein Vaterland“. Aber die proletarische Partei muß erkennen, daß sich unter der Larve der letzten Endes bürgerlichen Ideologie des Nationalismus der Keim zur sozialen Revolte entwickelt, und statt den ganzen Organismus – abgestoßen von seinem unansehn­lichen Gewand – einfach zu zertreten, muß sie vielmehr bestrebt sein, den Keimling so rasch wie möglich aus seiner entstellenden Umhüllung zu befreien. Um die Bauernmassen möglichst bald dem Einfluß der nationalen Bourgeoisie und ihrer kleinbürgerlichen Schildknappen zu entreißen, muß sie innerhalb der nationalen Bewegung von vornherein klarstellen, daß es einen einzigen gangbaren Weg zur wirklichen Befreiung der Nation gibt: die Machtergreifung durch das Proletariat, gestützt von der Bauernschaft – die Errichtung eines Arbeiterstaates.

Und nun noch einmal: Bengalen!

Was bedeutet das Ganze nun konkret für die Unabhängigkeitsbewegung des Ostteils von Pakistan?
Halten wir zunächst die allererste Pflicht eines jeden Kommunisten fest, der einer unterdrückenden Nation angehört: unbedingte Verteidigung des Rechts der Bengalen, selbst darüber zu entscheiden, in welchem Staat sie leben wollen!
Soviel zu unserer Abrechnung mit den mao-stalinistischen Wetterfahn­nen hierzulande.
Welche Haltung die Kommunisten in Bengalen einnehmen müßten, ist eine andere Frage. Daß sich in jeder nationalen Bewegung zunächst die Bourgeoisie oder – ersatzweise – die Kleinbourgeoisie als Führerin der Massen aufzuspielen sucht, liegt in der Natur der Sache. Daß die Führer der Awami-Liga nur allzu bereit wären, die nationale Bewegung der ost­bengalischen Massen wenn möglich noch heute an Indira Gandhi zu ver­schachern, wenn diese ihnen als Gegenleistung einen erträglichen Kompromiß mit Yahya Khan aushandeln würde, kann für die bengalischen Kom­munisten kein Grund sein, der Massenbewegung den Rücken zu kehren – nur Kindskopfe hatten von solch einer Partei Anderes erwarten können. Die nationale Erhebung der Abermillionen bengalischer Bauern ist ein notwendiges Durchgangsstadium auf ihrem Weg zur sozialen Revolution. Die zwingende Logik der Klasseninteressen der westpakistanischen Bourgeoisie hat die kleinbürgerliche Führung der Bangla-Desh-Bewegung ganz gegen ihren Willen in eine Lage versetzt, in der sie den Kampf auf­nehmen mußte. Sie hat es so schlapp, kleinmütig und verantwortungs­los getan wie nur irgend denkbar; aber sie hat es getan. Und in dem Maße wie die kleinbürgerliche Führung des Unabhängigkeitskampfes gegen die Unterdrückung tatsächlich kämpft – aber eben genau in dem Maße! – werden die Kommunisten sie unterstützen, weil sie jeden Kampf gegen die Unterdrückung unterstützen.4 Nach allem, was geschehen ist, haben sie allerdings keine Veranlassung, der kleinbürgerlichen Führung auch nur eine Minute lang einen Funken von Vertrauen entgegenzubringen. Die ätzende Kritik an der Feigheit der ‚Provisorischen Regierung’ braucht nicht einen Augenblick lang eingestellt zu werden: Man muß entlarven, wie die kleinbürgerliche Führung auf Schritt und Tritt dem Kampf auszuweichen sucht, man muß zeigen, daß sie die nationale Unabhängigkeits­bewegung gar nicht führen will, weil sie sie nicht führen kann: Denn im Rahmen des kapitalistischen Weltsystems ist eine wirkliche nationale Selbstbestimmung gar nicht mehr möglich; man könnte höchstens ein Satellitenverhältnis zu Indien für „nationale Unabhängigkeit“ ausgeben wollen…
Nationale Selbstbestimmung kann es für die ostbengalischen Massen nur unter einer Arbeiter- und Bauernregierung geben, die daran geht, den Sozialismus aufzubauen. Aber „Sozialismus in einem Land“ – noch dazu einem so armseligen wie Ostbengalen? Freilich, solange das Regime in Indien nicht wankt, solange die Führer in Peking noch Außenpolitik nach ihrem eigenen opportunistischen Gutdünken betreiben können, wird es dazu ohnehin nicht kommen. Nein, Ostbengalen wird so lange den Durchbruch zum Sozialismus nicht schaffen, wie nicht die indische Bourgeoisie durch die revolutionäre Krise im eigenen Haus zu jeder konterrevolutionären Intervention unfähig wird. Nicht zufällig findet sich der Herd der revolutionären Gärung auf dem Gebiet der Indischen Union in Westbengalen. Und warum nicht gar? Schließlich ist der heutige indi­sche Staat kein minder künstliches Gebilde als der Staat Pakistan. Es waren die britischen Kolonialherren, die den Subkontinent zu einer ad­ministrativen Einheit zusammengefaßt haben, weil sie meinten, ihre Herrschaft so effektiver ausüben zu können. Seit ihrem Bestehen ist die Union von latenten und auch akuten Kämpfen zwischen den einzelnen Nationalitäten zerrissen. Es ist nicht einzusehen, warum das, was für die ostbengalische Nationalbewegung gilt, nicht auch für die nationalen Bewegungen im Innern der Indischen Union gelten soll…

Und was weiter?

Die kapitulantenhafte Politik der Awami-Liga hat es glücklich dahin ge­bracht, daß der Unabhängigkeitskampf von Bangla-Desh nurmehr auf kleiner Flamme schwelt. Er nimmt allenfalls die Dimension kleiner Schar­mützel und terroristischer Anschläge an. Das kann den Massenkampf auf die Dauer nicht ersetzen. Eines ist natürlich richtig: Nach einer so schwe­ren Niederlage, wie sie die Unabhängigkeitsbewegung im Frühjahr erlitten hat, sind versprengte bewaffnete Freischärler-Aktionen nicht nur unver­meidlich, sondern auch notwendig. Sie sind das sichtbare Zeichen, das die überlebenden Vorhutelemente den Massen mit der Botschaft über­mitteln, daß der chaotische Rückzug der ersten Wochen zum Stillstand gekommen ist. Die Avantgarde hat wieder Tritt gefaßt, sie zieht sich auf einige wenige befestigte Positionen zurück, um hinter dieser Verschanzung neue Kräfte für die Offensive zu sammeln. ,
Die Gefahr liegt nun darin, daß aus theoretischer Unsicherheit die Kader der Avantgarde, aus der Not der Niederlage eine Tugend der offensiven Strategie machen: Nichts wäre fataler für die Revolution in Bengalen, als wenn sich die taktischen Erfordernisse des Augenblicks zu einer ausge­wachsenen Strategie des „Volkskrieges“ verdichten würden. Anfang des Jahres lag der Sieg in greifbarer Nähe. Was fehlte, war nicht die bewaff­nete Einkreisung der „Städte“ durch die „Dörfer“, sondern eine zielklare revolutionäre Führung der Massenbewegung. Nicht die ‚Methode’ der Massenbewegung hat versagt, sondern lediglich ihre kleinbürgerliche Führung. Das ist die Lehre, die Marxisten aus der Niederlage im Frühjahr ziehen müssen: Was fehlt, ist eine kommunistische Partei, die dem Proletariat den Weg der sozialistischen Revolution zu weisen vermag, und die, indem sie die zahlenmäßig schwache, aber kämpferische Arbeiterbewegung in eine taktisch und strategisch korrekte revolutionäre Politik einzubeziehen vermag, bei beharrlicher Verfolgung des eingeschlagenen Weges auch die ländlichen Massen für die soziale Revolution wird gewinnen kön­nen: „Wir erheben und organisieren die fortgeschrittensten Arbeiter, und durch die Arbeiter erheben wir die Bauern. Das ist überhaupt der einzige für eine proletarische Partei denkbare Weg.“5
Vorerst sieht es leider wohl eher danach aus, als wollten auch die bewußte­ren Teile der revolutionären Avantgarde wieder einmal ihr mangelndes Verständnis der begangenen Fehler einfach durch das Begehen spiegel­verkehrter Irrtümer vervollkommnen; als sollte die kostbare Zeit, die noch bis zum nächsten großen Sturm verblieben ist, nicht für den Aufbau einer im Proletariat fest verwurzelten kommunistischen Kaderpartei genutzt, sondern mit der Bildung zahlreicher konkurrierender „Nationaler Volkskriegs-Befreiungsfronten“ vertan werden …

M.W.

  1. Trotzki, The Chinese Revolution, brosch., N.Y. 1969, S. 4 []
  2. Trotzki, Geschichte d. russischen Revolution, Bln. 1960, S. 549 [im internet unter: http://www.marxists.org/deutsch/archiv/trotzki/1930/grr/b2-kap16.htm – Anm. SpaBu- Doku.] []
  3. Lenin, op. cit, S. 699 [= LW 20, 415. Anm. SpaBu-Doku.] []
  4. vgl. ebda []
  5. Trotzki, Der chinesische Bauernkrieg u. d. Proletariat, in: Die vierte Internationale II/l, Bln. 1971, S. 80 []

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