1971/72: Die bengalische Tragödie / Wohin geht Bangla Desh? / Marxismus und nationale Frage

[14] Wohin geht Bangla Desh?

Es ist soweit – alle asiatischen und westeuropäischen Verehrer der Maotsetungideen können sich gratulieren: Ihre Prophezeiungen sind Wahrheit geworden! In der Tat hat die nationale Unabhäng­igkeitsbewegung der Bengalen vorerst zu nichts anderem geführt als zur Be­setzung des ehemaligen Ostpakistan durch die indische Armee. Haben sie es nicht stets behauptet, daß die Bewegung für Bangla Desh nichts anderes sei als ein ferngesteuerter Agent des ‚indi­schen Imperialismus’?!
Ohne Zweifel: Bangla Desh ist heute nicht minder von Indien abhängig, als es vormals Ostpakistan gegenüber West­pakistan gewesen war. Aber schmälern wir nicht das beträchtliche Verdienst, das sich die VR China durch seine Anstrengungen erworben hat, zur Bewahrheitung ihrer eignen düstern Prognosen selbst tatkräftig beizutragen! Hätte nämlich die VR darauf verzichtet, aus rein großmachtpolitischen Erwägungen den west­pakistanischen Gorillas und Bankiers bei ihrem Versuch behilflich zu sein, die abtrünnige Halbkolonie Ostbengalen mit Waffengewalt zurück zu erobern – es hätte keinen Krieg Indiens gegen Paki­stan gegeben, Indira Gandhi hätte keinen Vorwand für die Okkupation Bangla Deshs finden können!
Die volkschinesische Außenpolitik hat jedenfalls keine Mühe gescheut, um die Bewegung der Freien Bengalen in die of­fenen Arme der indischen Bourgeoisie zu treiben – statt ihrerseits durch eine klare Stellungnahme für das Selbstbestimmungsrecht der Bengalen einen Keil zwischen die feige, nach Indien schielende kleinbürgerliche Führung der Liga und die bengalischen Volksmassen zu treiben. Aber ihr diplomatisches Bündnis mit der westpakistanischen Sol­dateska und den Bankiers von Karatschi erschien der Regierung der Volksrepublik wesentlicher als ein sozialistisches Bangla Desh…
Indira Gandhi hat diesen Krieg nicht frohen Herzens vom Zaun gebrochen. Natürlich hätte sie einen zwischen den Großmächten ausgeschacherten Kompromiß mit Islamabad – selbstverständlich auf dem Rücken der bengalischen Massen! – vorgezogen. Aber diesmal blieb ihr keine Wahl: Weder waren die Großmächte darauf [15] erpicht, sich in dieser heiklen Angele­genheit zu exponieren und dabei womög­lich die Finger zu verbrennen, noch hatte die Regierung in Islamabad genügend Handlungsspielraum für eine „gütliche“ Regelung – was anders hätte denn auch ein ‚Kompromiß’ beinhalten können, wenn nicht die faktische Sezession der Ost­provinz und ihr Abgleiten unter indi­sche Vorherrschaft?!
Aber auch Indien konnte nicht mehr klein beigeben: Nicht nur, daß die acht bis zehn Millionen bengalischer Flücht­linge praktisch die gesamte ausländi­sche ‚Wirtschaftshilfe’ aufzuzehren drohten – sie verwandelten das ohnehin schon gärende West-Bengalen in ein re­gelrechtes soziales Pulverfaß! Die Lunte diesem Faß – das waren die Mukhti Bahini, die nicht nur auf ostpakistani­schem Gelände operierten, sondern ihre Trainingslager diesseits der indischen Grenze aufgeschlagen hatten. Neu-Delhi mußte diese Lager dulden – einerseits wegen des Drucks der chauvinistischen „öffentlichen Meinung“, andererseits, weil dadurch die Flüchtlingsmassen we­nigstens nicht auf den Gedanken kamen, sich in die Klassenkämpfe des indischen Teils von Bengalen einzumischen. Indessen hätte aber ein langandauernder Klein­krieg der Mukhti Bahini – mit der un­weigerlich folgenden politischen Radi­kalisierung der Bangla-Desh-Bewegung – nur zu leicht zum Fanal der sozialen Revolution nicht bloß in Westbengalen, sondern auf dem ganzen Subkontinent werden können!
Indira durfte also den Lauf der Dinge nicht sich selbst überlassen; sie mußte eine rasche Entscheidung erzwingen – und so war der Krieg schließlich das ‚kleinere Übel’…

Was wird aus Pakistan?

Dieser dritte Waffengang zwischen den verfehdeten Nachbarn war zugleich der erste, nach dem man Sieger und Besiegten klar von einander unterscheiden kann. Pakistan hat nicht bloß „eine Bataille verloren“ – der Staat ist bis in seine Grundfesten erschüttert. Eines ist end­gültig klar: Es wird nie wieder ein Ostpakistan geben. Der Westen hat seine ‚innere Kolonie’ verloren – seinen wichtigsten Rohstofflieferanten und damit seine Haupt-Devisenquelle! Die westpa­kistanische Bourgeoisie ist in eine Krise gestürzt worden, die nicht ohne krampf­hafte Zuckungen abgehen wird, zumal die staatstragende Ideologie – der Mythos von der islamischen Einheitsrepublik, der „größten islamischen Macht der Welt“ –einen tödlichen Schlag erhalten hat. Einstweilen gelingt es dem gefährlichen Harlekin Ali Bhutto – der ohne weiteres imstande gewesen wäre, einen vierten Krieg auf seine Kappe zu nehmen, um endlich an die Macht zu kommen –, mit chauvinisti­schen Sturzbächen die unterdrückten Klassen vor den Karren der Bourgeoisie zu spannen. Aber wie lange werden die Arbeiter von Lahore noch bereit sein, für die Bestrafung des „Kapitulanten“ Yahya Khan und die Machtübernahme durch seinen scharfmacherischen Kronprinzen auf die Straße zu gehen?
In den kommenden Monaten muß die ernüch­ternde Erkenntnis um sich greifen, daß Bhuttos Tiraden niemandes Bauch füllen können, und es wird sich erweisen, daß mit dem Abfall der Ostprovinz die Krise des pakistanischen Staats keineswegs ab­geschlossen, sondern eben erst eröffnet ist! Hier wie in jedem Land der Welt gibt es nur eine Klasse, die einen Aus­weg aus der Krise der Bourgeoisie weisen kann: die Arbeiterklasse, und der Ausweg heißt: Sturz der Bourgeoisie – Bildung einer Arbeiter- und Bauernregierung!
Ob die Arbeiterklasse fähig sein wird, der Nation einen Ausweg aus ihrer Existenzkrise zu weisen, hängt von der revolutio­nären Klassenführung ab, und hier wie [16] in jeden Land der Erde besteht eine re­volutionäre Klassenführung, eine kommunistische Avantgardepartei noch nicht! Wie überall, so gilt auch hier: Die Krise der bürgerlichen Gesellschaft ist letz­ten Endes nichts anderes als die Führungskrise des Proletariats.

„Protektorat Bangla Desh“?

Die „Volksrepublik Bangla Desh“ ist eine weltpolitische Realität geworden. Sie ist es nicht geworden dank der Terror- und Sabotage-Akte der Mukhti-Bahini, und noch weniger dank eines „revolutionären Volkskrieges“, der nicht stattgefunden hat – sie ist es geworden dank der in­dischen Bajonette!
Dieser Umstand allein stellt bereits einige Weichen für die allernächsten Schritte des neuen Staates. Außenpoli­tisch dürfte Bangla Desh auf absehbare Zeit ein Satellit der Indischen Union bleiben, und auch innenpolitisch wird Indira dafür sorgen, daß die Bäume der bengalischen Souveränität nicht in den Himmel wachsen. Das begann damit, daß die Einheiten der Mukhti Bahini einem „gemeinsamen“ indischen Oberkommando unterstellt wurden, und als das noch nicht ausreichte, um den bengalischen Volksmassen plausibel zu machen, daß auch der indischen „Befreier“ oberstes Gebot Ruhe und Ordnung lautet, ging man schlicht und einfach zur Entwaffnung der bengalischen Truppen über: Als Feigenblatt für den nicht erklärten Krieg gegen Pakistan waren sie gut ge­nug gewesen und als solches hatten sie nun ihre Schuldigkeit getan; aber für die Wiederherstellung ‚geordneter Ver­hältnisse’ – ohne die das Geschäft der indischen Händler ja nicht blühen kann – erschienen sie nicht zuverlässig genug: sie konnten gehen! Und auch dafür fand Neu-Delhi einen vorzüglichen Vorwand, dessen scheinbare Uneigennützigkeit gar noch das etwas ramponierte Prestige Indiens in der Weltöffentlichkeit aufpo­lierte: Galt es doch, die „Racheakte“ und „Ausschreitungen“ gegen pakistanische Kriegsgefangene und bengalische Kollabo­rateure zu beenden! Wer mochte bei so­viel humanitärem Engagement andere als menschenfreundliche Motive unterstellen? Etwa, daß es den indischen Besatzungsbe­hörden vor alle darum geht, den linken, kommunistischen Flügel der Unabhängigkeitsbewegung – darunter die East Bengal Communist Party, die Beziehungen zum Brüsseler „Vereinigten Sekretariat der IV. Internationale“ unterhält – zu ent­waffnen und womöglich zu zerschlagen! Und klingt es nicht sehr anständig, wenn die indischen Behörden die Flüchtlings­millionen nicht sofort nach Hause jagen, sondern großzügig noch ein paar Wochen gewähren lassen, bis die ‚Ordnung wieder­hergestellt’ ist – während man in Wahr­heit nur nach einem Vorwand sucht, die Besatzungstruppen noch für ein paar Monate in Bangla Desh zu belassen, bis nämlich der Wiederaufbau des völlig zerrütteten Staats- und Verwaltungs­apparats abgeschlossen ist. Die indi­schen Militärbehörden sollen dafür Sorge tragen, daß nur solche Männer in die entscheidenden Positionen aufrücken, an deren Botmäßigkeit gegenüber der indi­schen Bourgeoisie kein Zweifel besteht.
De facto ist also das „unabhängige“ Bangla Desh gegenwärtig kaum mehr als ein Protektorat der Indischen Union. Die „Provisorische Regierung“ dürfte nach allem, was man von ihr zu sehen be­kam, kaum die erforderliche Autorität haben, an diesem Tatbestand Entscheiden­des zu ändern – immerhin brauchte sie selbst nach dem Waffenstillstand noch gut eine Woche, ehe sie sich in ‚ihre’ Hauptstadt Dacca wagte!
Sicher werden die indischen Großhändler und Finanziers bemüht sein, die seit der Flucht ihrer westpakistanischen Konkur­renz vakanten Stellen einzunehmen. Jedoch ist die indische Regierung nicht daran interessiert, Ostbengalen auf Dauer an den indischen Staatsverband zu binden, im Gegenteil: Sie muß um jeden Preis die beiden Krisenherde Ost– und Westbengalen voneinander isolieren. Sobald sie sich von der ‚Zuverlässigkeit’ der neuen Män­ner überzeugt hat, wird sie sich aus der direkten Verantwortung herauszuziehen versuchen; sie wird Bangla Desh seine staatliche Souveränität zugestehen müssen!
Natürlich wird das indische Kapital auch weiterhin versuchen, Bangla Desh wirtschaftlich ebenso von sich abhängig zu machen, wie das zuvor die Westpakista­ner getan hatten, aber sie werden es nicht wieder in die Rolle einer ‚inne­ren Kolonie’ drängen können: Anders als die Bankiers von Karatachi haben sie es jetzt [17] mit einem selbständigen Staat zu tun, der früher oder später eine eigene Wirtschaftspolitik im Interesse seiner eigenen kapitalistischen Entwicklung betreiben muß!

Industrialisierung – ohne Bourgeoisie?

Wir haben bereits dargestellt, daß in Ostbengalen nicht mehr von einer einhei­mischen Bourgeoisie die Rede sein kann. Womit wir es zu tun haben, sind einerseits ausgesprochene Kompradoren-Elemente, die eine rein parasitäre Existenz fristen (Wucherer usw.) und mit der Trennung von Pakistan vorerst einmal ihre Rolle ausgespielt haben dürften; und andererseits eine städtische Kleinbourgeoisie, die sich wohl gerne zu einer wahrhaftigen ‚natio­nalen’ Industriebourgeoisie mausern möchte, der dazu allerdings das Wichtig­ste fehlt: nämlich Kapital!
Investitionskapital – das ist genau das, was Bangla Desh von der indischen Bourgeoisie am allerwenigsten zu erwarten hat! Gerade der Mangel an Kapital im Inland ist es ja, der die indischen Händler und Bankiers nach Bangla Desh treibt: nicht als Investoren, sondern als Wuche­rer, nicht um aufzubauen, sondern um zu plündern!
Während Bangla Desh also außenpolitisch auf Indiens Beistand angewiesen bleibt, müssen sich die wirtschaftlichen Bezie­hungen zwischen beiden früher oder spä­ter verschlechtern. Mangels einer ver­wurzelten einheimischen Bourgeoisie muß das Kleinbürgertum versuchen, stellver­tretend eine ‚nationale’ Industrie aufzubauen: der Weg dahin ist der Staats­kapitalismus, sein politisches Instrument ist ein bonapartistisches Regime – nach dem unerreichten Vorbild Nassers. In diese Richtung weisen bereits heute die‚ ‚sozialistischen’ Redensarten der ‚Pro­visorischen Regierung’, das Gerede von der Verstaatlichung des Kreditwesens usw.
Im Innern kommt es zunächst darauf an, die Bauernmassen in den kapitalistischen Wirtschaftskreislauf einzubeziehen; dazu brauchen sie vor allen Dingen Bargeld, und das kann man ihnen nur verschaffen, wenn man sie aus der Abhängigkeit von jenen Groß-Bauern befreit, die zugleich als Geldverleiher auftreten und durch Wucherzinsen das Land unter ihre Kontrol­le bebracht haben (die sog. Zamindare). Dies ist der Sinn eines verstaatlichten Kreditsystems: das Kapital aus dem unproduktiven Wuchergeschäft abzuziehen und in die staatlich geförderte Industrie zu lenken!
Solche Mittel wirken sich jedoch erst langfristig aus, und sogar das nur, wenn die ersten Ansätze einer nationalen In­dustrie bereits vorhanden sind! D.h. es muß sich für den Kapitalisten sogleich rentieren, wenn er in die Industrie in­vestiert, nicht erst in zehn Jahren. Die Grundlagen für die Industrialisierung (vor allem: Ausbau der Infrastruktur) müssen direkt vom Staat gelegt werden, und das Kapital dazu findet er nur im Ausland – und für Bangla Desh heißt das konkret: in der Sowjetunion!

[18] Neuverteilung der Einflußzonen

So sind wir wieder beim weltpo­litischen Hintergrund des Krieges angelangt. Die Sowjetunion hat kein unmittelbares wirtschaftliches Interesse an Ostbengalen, sondern ein strategisches: Seit die USA gezwungen sind, einen Gutteil ihrer Stellungen in Ost­asien zu räumen, rivalisieren die Sowjetunion und China verstärkt um den freigewordenen Posten der Hegemonialmacht. Durch den jüngsten Krieg mit Pakistan ist In­dien in eine immer engere Abhän­gigkeit von Moskau geraten, wäh­rend Bangla Desh auf absehbare Zeit sogar zum unmittelbaren Satelliten der UdSSR geworden sein dürfte. Für China sieht die Bilanz durchwachsen aus: Zwar ist einerseits sein alter Verbündeter Pakistan aufs Schwerste ange­schlagen, aber dafür um so enger an seine Seite gerückt, seit der pro-chinesische Flügel der paki­stanischen Bourgeoisie in der Gestalt Bhuttos nun auch offiziell die Regierung übernommen hat.
Aber noch geben sich die USA nicht geschlagen, und so blieb der Welt das traurige Schauspiel nicht erspart, wie die VR China wochen­lang im UNO-Sicherheitsrat mit den Vertretern des amerikanischen Im­perialismus gemeinsame Sache machte und gar im selben Moment ihre Trup­pen auf die indische Grenze in Be­wegung setzte, als die 7. US-Flotte Kurs auf Tschittagong nahm…
Damit erwies sich der Krieg in Asien als der Auftakt zu einer weltweiten Umgruppierung der Blöcke, einer Neuverteilung der Einflußzonen, die durch das Ende von Amerikas absoluter Vorherrschaft in der kapitalistischen Welt – signalisiert durch die Krise des Dol­lar – in Gang gesetzt wurde.
Marxisten werden sich wohl in den kommenden Jahren wieder verstärkt daran gewöhnen müssen, in den Di­mensionen der Weltpolitik zu denken.

M.W.

Editorischer Hinweis:

Die roten Ziffern in eckigen Klammern kennzeichnen den Beginn der entsprechenden Seite des Papier-Originals.
Das Schriftbild der unterschiedlichen Teile wurde leicht vereinheitlicht.

  • Die beiden Teile „Marxismus und nationale Frage“ sind im Original in Fett-Schrift gesetzt, wobei Hervorhebungen in Normalschrift erfolgen. Die Fett-Schrift wurde hier durch Normalschrift ersetzt; die Hervorhebungen erfolgen in kursiv. Zwei Hervorhebungen in einem Lenin-Zitat, die hier durch Unterstreichung erfolgen, sind im Original gesperrt.
  • Im letzten Teil erfolgen die Hervorhebungen im Original durch Unterstreichungen. Sie werden im Text durch kursiv-Setzungen und in den Zwischenüberschriften durch Fettsetzungen ersetzt.

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