Spartacus – Nr. 22 vom Mai/Juni 1971

Die Ziffern in eckigen Klammern verweisen auf die entsprechenden Seiten der Ausgabe Nr. 22 des Spartacus vom Mai/Juni 1971.

[27] Die »Revolutionäre Internationale der Jugend« und die Aufgaben der Trotzkisten

Zum Verständnis des folgenden Beitrags: Für alle, die die Politik unserer Organisation und die Linie unserer Zeit­schrift kennen, dürfte klar geworden sein, daß SPARTACUS den proletarischen Internationalismus nicht nur als exotisches Beiwerk der gegenwärtigen Hauptaufgabe betrachtet, über die Führung der Kämpfe der Arbeiterjugend wieder Klassen­bewußtsein in der deutschen Arbeiterklasse zu verankern. Im Gegenteil: kommunistische Politik, die als einzige konse­quent die historischen Interessen der Arbeiterklasse verfolgt, ist nur als internationalistische denkbar. Denn das Proletariat, die einzig internationale Klasse der Geschichte, kann sich nur dann als Klasse befreien, nur dann über seine Diktatur – die Errichtung der proletarischen Staatsmacht – hinaus den Weg zum Sozialismus erfolgreich beschreiten, wenn es gleichzeitig die Herrschaft der Bourgoisie inter­national besiegt – die als Kapitalismus der Monopole zum imperialistischen Weltsystem geworden ist. Der Inter­nationalismus ist für den proletarischen Klassenkampf also keine bloße Frage der moralischen Solidarität, sondern eine Lebensfrage, die ihren organisatorischen Ausdruck finden muß in der Weltpartei des Proletariats, der Kommu­nistischen Internationale.
Alle Organisationen, die wie wir davon ausgehen, daß die Bürokratien der Arbeiterstaaten den Weg des proletarischen Internationalismus verlassen haben, daß somit die dritte, von Lenin gegründete Internationale nicht mehr besteht, haben damit einen entscheidenden Schritt auf dem Wege zur Weltpartei des Proletariats begangen – aber noch nicht den ganzen Weg. Dieser wird ein langer und schmerzvoller Weg sein müssen. Denn einerseits steht die Schaffung der IV. Internationale ebenso noch als Aufgabe vor uns wie die Erarbeitung ihres Programms (dessen Grundlagen und Methodik allerdings in dem Maße, wie die strukturelle Krise des Kapitalismus weiterbesteht, dieselben sind wie die des „Übergangsprogramms“ von Trotzki 1938). Andererseits gibt es jedoch einige Tendenzen, die sich selbst bereits als die IV. Internationale (oder zumindest ihren Kern) an­sehen. Der Aufbau der IV. Internationale kann aber nur mit der Erstellung programmatischer Klarheit in Angriff genommen werden. Die Internationalen Kommunisten Deutschlands (Trotzkisten) und die Kommunistische Jugend­organisation SPARTACUS befinden sich daher in einem Prozeß ständiger Diskussion und Auseinandersetzung mit allen Tendenzen der trotzkistischen Weltbewegung.
In diesem Sinne haben wir uns auch mit der „Organisation Communiste Internationaliste“ (OCI) auseinandergesetzt, der französischen Organisation der Tendenz, die im all­gemeinen als „Lambertisten“ (nach ihrem Führer Lambert) bekannt ist. Gemeinsam mit der englischen „Socialist Labour League“ (SLL), auch „Healyites“ genannt, und seit einiger Zeit der bolivianischen „Partido Obrero Revolutionario“ (POR; s.a. „Spartacus“ 20) unter Genossen Lora bildet sie das „Internationale Komitee der IV. Inter­nationale“, sozusagen die Konkurrenzorganisation zum „Vereinigten Sekretariat der IV. Internationale“ unter Mandel–Frank–Maitan. Die „Alliance des Jeunes pour le Socialisme“ (AJS) ist die Jugendorganisation der OCI, ist aber formell unabhängig und versteht sich nicht als trotzkistisch, sondern allgemein als „sozialistisch“ und „anti-stalinistisch“. In Deutschland entspricht ihr der Konzeption nach die „Junge Garde“. (Dem Verhältnis OCI und AJS entspricht in Deutschland das der Internationalen Arbeiter­korrespondenz zur Jungen Garde.) Der nachfolgend abge­druckte Beitrag ist zum Abdruck in „Jeune Revolutionnaire“, dem monatlich erscheinenden Organ der AJS, verfaßt worden. Die Internationalen Kommunisten Deutschlands und die Kommunistische Jugendorganisation SPARTACUS kommen damit einer entsprechenden Aufforderung der französischen Genossen nach.
Die Schwierigkeit beim Dialog mit Organisationen wie der AJS und der Jungen Garde über die gegenwärtigen Haupt­aufgaben der Kommunisten liegt darin, daß ein exaktes strategisches Konzept zum Aufbau der Weltpartei des Proletariats gar nicht zu ihrem Selbstverständnis – als klassenunspeziflsche Massenorganisation – gehört. So soll auch die Konzeption der „Revolutionären Internationale der Jugend“, mit der wir uns in der unten abgedruckten Antwort auseinandersetzen, natürlich den Aufbau der IV. Internationale nicht ersetzen – sie stellt allenfalls einen „wichtigen Schritt“ dazu dar (ohne daß das Ziel als strategisches überhaupt gesetzt wäre). So schreibt z.B. die Nationale Leitung der „Jungen Garde“ (in der Nr. 5, Dez. 70 / Jan. 71, S. 2 f., ihrer gleichnamigen Zeitschrift im Aufruf „Vorwärts zur revolutionären Jugendinter­nationale!“): „Immer mehr Kommunisten schließen sich heute dem Kampf für den Aufbau der IV. Internationale an. Und in diesem Kampf hat sich die (!) Jugend als enga­gierteste Vorhut (!) erwiesen. In Frankreich, England, Deutschland und Irland gibt es revolutionäre Jugend­organisationen, die am Kampf der Arbeiterklasse für den Aufbau der IV. Internationale teilnehmen. Ihr Ziel ist eine revolutionäre Internationale der Jugend, die ein wichtiger Schritt (?) im Kampf für den Aufbau der IV. Internationale ist“. Sowie man nun genaueres über die strategische Funk­tion dieser revolutionären Jugendinternationale erfahren will und tiefer bohrt, stößt man alsbald auf die Organi­sationen, die als „Internationales Komitee“ die „Kon­tinuität“ der IV. Internationale darstellen wollen. Folge­richtig setzt sich die unten abgedruckte Erklärung mit der OCI auseinander.
Auf der Ebene dagegen, auf der die AJS oder die Junge Garde „argumentieren“, ist keine strategische Fragestellung mehr nötig; es geht hier letztlich nur noch um technische Fragen – möglichst schnell möglichst große Versammlungen zu inszenieren: „Die Zeit ist reif für die Vereinigung der Jugendlichen in allen Ländern; die Zeit ist reif für den Auf­bau der revolutionären Jugendinternationale. Wir schlagen ein Treffen vor zur Vorbereitung einer Konferenz aller Jugendbewegungen, die für den Sozialismus kämpfen“ (ebenda S. 3). Die Sache nimmt dann – sofern die Veran­staltung voll besetzt ist – mehr oder weniger automatisch ihren Lauf. „Die internationale Versammlung der Jugend in Deutschland im Sommer 71 ist ein weiteres Signal für die bevorstehende Weltrevolution“ (ebenda S. 4). Ja, wenn das so einfach ist!
[28] (Nur am Rande sei daran erinnert, daß die nationale „Strategie“ der Jungen Garde auch nicht viel anders aus­sehen kann: Von der vorbereitenden Konferenz für die Vorbereitungskonferenz zur Vorbereitungskonferenz zur . . . Vgl. Junge Garde Nr. 6, S. 31. „… den Wider­stand der Jugend gegen die Macht des Kapitals in ihrer einzig wirksamen Form zu organisieren: als geschlossenen Protest der gesamten (!) Jugend, der seinen massiven Aus­druck findet auf einer Kampfkonferenz aller Jugendlichen, Lehrlinge, Schüler und Studenten, der Nationalen Konferenz zur Verteidigung der Jugend… Darum ruft die Junge Garde alle Jugendlichen und ihre Organisationen (Jusos, Ags, Gewerkschaften), die schon jetzt bereit sind, aktiv für ihre Rechte einzutreten, auf, im Mai eine vorbereitende Versammlung zu organisieren, die alle bisherigen Aktivitäten der Jugendlichen für ein einziges (!) politisches (!) Kampf­ziel organisiert, die Nationale Konferenz zur Verteidigung der Jugend…“ Für eine ausführliche Kritik an der Jungen Garde verweisen wir hier nur auf das – bisher unbeantwor­tete – Papier der Jungen Garde, Gruppe Rheinhausen, die inzwischen geschlossen in die Kommunistische Jugend­organisation SPARTACUS eingetreten ist. Es wurde nach­träglich als Dokument in der Reihe „Beiträge zur Strategie und Taktik der internationalen Arbeiterbewegung“, Nr. 3, S. 22 bis 28, veröffentlicht: „Die bolschewistische Partei­konzeption und die Junge Garde“.)

Antwort
der Internationalen Kommunisten Deutschlands (Trotzkisten) und der Kommunistischen Jugendorganisation SPARTACUS auf den Aufruf in Jeune Révolutionnaire Nr. 21

Unter der Parole „für die Revolutionäre Internationale der Jugend“ ist in der Jeune Revolutionnaire Nr. 21 vom März 1971 ein „Aufruf an die jungen Arbeiter, Lehrlinge, Oberschüler, Studenten; an die Organisationen der Jugend, die – gegen die bürgerliche Gesellschaft, den Imperialismus, die parasitären und konterrevolutionären Bürokratien – für den Sieg der sozialistischen Revolution kämpfen“ zur Diskussion abgedruckt. Unmittelbares Ziel des Aufrufes soll eine „internationale Versammlung der Jugend und ihrer Organisationen, die gegen den Stalinismus, den Imperialismus, für den Sieg der sozialistischen Weltrevolu­tion kämpfen“ sein. Aufgabe dieser Versammlung soll es sein, zum Aufbau einer „Revolutionären Internationale der Jugend“ (RIJ) beizutragen.
Wenn wir uns zum Aufbau der RIJ äußern, so gehen wir als Trotzkisten davon aus, daß die historischen Probleme der Menschheit seit der endgültigen stalinistischen Degene­ration der Komintern nicht anders gelöst werden können als unter der Führung der IV. Internationale, daß diese heute aber nicht existiert und daß daher die Hauptaufgabe der Epoche, die Aufgabe, von der alle Aktivitäten abge­leitet werden müssen, in ihrem Aufbau besteht.
Zwar geht diese Fragestellung über das Selbstverständnis der „Alliance des Jeunes pour le Socialisme“ (AJS) hin­aus, die sich ja nicht selbst als trotzkistische Organisation begreift – und auch die RIJ soll ja keine spezifisch trotz­kistische Organisation werden. Daraus erklärt sich auch, warum diese Fragestellung in dem Aufruf nicht enthalten ist und auch im redaktionellen Vorspann nur dezent und allgemein angedeutet wird, der Aufbau der RIJ „eines ihrer“ (der Weltpartei der Revolution nämlich) „entscheidenden Elemente“ sei. Dieser Ausgangspunkt wird aber von der „Organisation Communiste Internationaliste“ (OCI) geteilt; auf deren Initiative sowohl die AJS als auch die Idee der RIJ zurückzuführen sind. Beziehen wir uns deshalb auch auf ihre Äußerungen zur RIJ.
Die RIJ soll also keine trotzkistische Organisation werden, sondern ganz im Gegenteil soll sie sich konstituieren aus verschiedenen Jugend- oder auch reinen Studentenorgani­sationen, die mit dem Stalinismus gebrochen haben bzw. dazu bereit sind – denn endgültig haben sie natürlich erst als trotzkistische mit dem Stalinismus gebrochen –, die gegen Imperialismus, gegen Stalinismus und für die sozia­listische Revolution kämpfen, kurz, eine ihrem Wesen nach zentristische Sammelbewegung. Es ist klar, daß eine solche Organisation, bzw. solche Organisationen, sich nicht von selbst zum Trotzkismus hinentwickeln, sozu­sagen vom Punkt Null aus und gänzlich unabhängig von dem, was heute die trotzkistische Weltbewegung ausmacht. Daher weist in der Nr. 550 des Organs der OCI „la vérité“ Charles Berg gleich zu Anfang seines Beitrages zur RIJ darauf hin, daß die revolutionäre Jugendorganisation (RJO), später also die RIJ, heute bereits Organisationen wie die AJS, die englischen „Young Socialists“ und die deutsche „Junge Garde“ „etc.“ (?) „nur bestehen kann durch die politische Triebkraft der Organisationen, die auf dem vollen Programm der Weltrevolution, dem Übergangs­programm, begründet sind“. Weiter unten heißt es dann: Die RJO (hier am Beispiel der AJS), „gegründet von den Trotzkisten als eine der Vermittlungen des Aufbaus der revolutionären Partei“, „versammelt junge Arbeiter und Studenten gegen Imperialismus und Stalinismus und er­laubt ihnen durch ihre eigene Bewegung, ausgehend von den besonderen Problemen der Jugend, zum Verständnis des Übergangsprogrammes zu gelangen“.
Bleiben wir beim ersten, nämlich was für eine Organisation es sein muß, die die Existenz der RJO erst garantieren kann (indem sie, wie weiter unten in dem Artikel von Ch. Berg erklärt wird, sich in dieser nicht auflöst, sondern fraktionell in ihr arbeitet), so müssen wir zunächst einige Worte über die Frage des Programms verlieren. Denn nicht nur an dieser Stelle wird von den Genossen der OCI als Kriterium für den trotzkistischen oder nicht-trotzkistischen Charakter einer Organisation nur angeführt, wieweit sie mit dem „Übergangsprogramm“, d.h. mit dem Gründungs­dokument der IV. Internationale von 1938 übereinstimmen, das von ihnen einfach als das „volle Programm der Welt­revolution“ bestimmt wird — s.o. Seit 1938 „ist“ das Programm also „da“, und es gilt nur noch, sich auf seinen Boden zu stellen.
Wir können uns mit dieser Funktionsbestimmung des „Übergangsprogramms“ in keiner Weise einverstanden er­klären, und zwar sowohl aus methodischen wie aus faktischen Gründen. Methodisch halten wir es für voll­kommen falsch, das Programm losgelöst von der tatsäch­lichen Entwicklung des Klassenkampfes und der revolutio­nären Organisation als des Trägers des Programms zu begreifen. Darauf läuft die Vorstellung der Genossen von der OCI hinaus, und sie bringen es selbst dadurch zum Aus­druck, indem sie akzeptieren und selbst vertreten, daß die IV. Internationale heute nicht besteht, daß es also „das Programm der IV. Internationale“ (und nicht etwa nur die historischen Erfahrungen und die theoretischen Grund­lagen, deren Aneignung es allerdings erst möglich macht, einen Beitrag zum Aufbau der IV. Internationale zu leisten) ohne diese Organisation selbst gibt. Zwangsläufiges Ergebnis [29] dieser Auffassung ist der Widerspruch in ihrem Selbst­verständnis, wenn sie für sich (bzw. zusammen mit der englischen SLL und der bolivianischen POR für das ganze „Internationale Komitee“) zwar nicht in Ansprach nehmen, selbst die IV. Internationale zu sein, aber doch deren Kontinuität darzustellen, einfach deshalb, weil sie ja auf dem Boden des „Übergangsprogramms“ stehen, während Strömung von ihm abgewichen ist und deshalb aufgehört hat, trotzkistisch zu sein.
Nun liegt uns sicher nichts ferner, als dem VS nun seine trotzkistische Reputation wiederzuverleihen. Auch wir meinen, daß das VS in ganz entscheidenden Punkten im Widerspruch zu den Grundlagen des revolutionären Marxismus, des Trotzkismus also, steht. Wir sind dabei aber ausgegangen von der konkreten Realität des VS, von seinen heute vertretenen Theorien wie von seiner Praxis, und haben daran mit unserer Kritik angesetzt. Nimmt man dagegen nur das „Übergangsprogramm“ als Dokument zum Maßstab, so ist entweder von vornherein jede Aussage „revisionistisch“, die darin nicht zu finden ist (und in den anderen Schriften von Trotzki und Lenin), oder es wird eine bloße Frage der literarischen Interpretation, ob jemand noch Trotzkist ist oder nicht, eine Methode, die sich durch Willkür und Subjektivismus des Interpreten auszeichnen muß, dem gar nichts übrig bleibt, als sich selbst zum letzten Maßstab zu setzen.
Bei Anwendung dieser Methode wird aber der Aufbau der IV. Internationale unter der Hand zu einem rein organisa­torischen Problem, nämlich wie es dem IK gelingt, seinen Einfluß auszuweiten, weitere Genossen, Gruppen und Organisationen für „das Programm“ zu gewinnen und so sich selbst zur IV. Internationale als der Avantgardepartei des Weltproletariats hinzuentwickeln.
Wir setzen dagegen, daß der Aufbau der IV. Internationale in erster Linie die Entwicklung des vollen Programms der Weltrevolution bedeutet, das sich natürlich auf das theore­tische Erbe der Arbeiterbewegung und die marxistischen Methoden gründen muß, das aber eine konkrete Analyse der weltpolitischen Konjunktur auf der Grundlage der strukturellen Tendenzen der Epoche und eine umfassende Einschätzung der Entwicklungstendenzen des Klassenkampfes geben muß, die man nicht in den Büchern und Dokumenten der Vergangenheit nachlesen kann. Nur auf dieser Grundlage ist es möglich, in allen oder wenigstens den wichtigsten Ländern eine revolutionäre Strategie zu erarbeiten und im Kampf selbst ein Programm zu erarbeiten, das es dem Proletariat erlaubt, die Macht­frage zu lösen und seine Diktatur zu errichten. Dieses Programm, nämlich das Übergangsprogramm, läßt sich nicht im vorhinein, auf rein theoretische Weise aufstellen, sondern mit dem Kampf ändern sich die Bedingungen, und mit diesen müssen sich auch die Losungen ändern; das Programm ist keine konstante, sondern die umfassende Formulierung des Weges, den das Proletariat in einer gegebenen Stufe des Kampfes zu gehen hat, um auf die nächsthöhere Stufe und darüber hinaus bis zum Sieg zu gelangen, und daher von den konkreten Bedingungen nicht loszulösen. Das Programm ist also Produkt und Produzent des Prozesses, in dessen Verlauf es sich selbst, zugleich mit der IV. Internationale als Organisation, erst herausbildet.
Die Frage des Programms auf die Anerkennung des „Über­gangsprogramms“ von 1938 zu reduzieren, führt auch zu fatalen faktischen Konsequenzen. Denn neben einer durch­aus allgemeingültigen theoretischen Grundlegung des Begriffes „System von Übergangslosungen“ sowie einer Darstellung der wesentlichen Typen von Übergangs­losungen gibt dieses Dokument auch eine sehr konkrete Einschätzung der weltpolitischen Konjunktur zu jener Zeit. Und wenn schon diese Einschätzung für sich genommen nicht unproblematisch ist, so ist es vollkommen unmöglich, sie einfach auf die gegenwärtigen Bedingungen zu übertragen und dann die entsprechenden Schlußfolge­rungen gleich mitzuübernehmen. Denn was ist es anderes als eine rein schematische Übernahme des Aussagen jenes Dokuments, wenn es in dem Aufruf heißt, daß sich heute „in allen Ländern, auf allen Kontinenten“ die Arbeiter­klasse auf den „letzten Ansturm gegen das bürgerliche soziale System, das in Auflösung begriffen ist“, vorbereitet? Wie kann man die seit einigen Jahren sich abzeichnende Verschärfung des Klassenkampfes schon als die Vorberei­tung zum Endkampf selbst nehmen? Gerade heute gilt es doch, jenen Tendenzen entgegenzutreten, die voller Illu- [30] sionen nur die „Bewegung an sich“ sehen und vergessen, daß diese Bewegung ohne die zielklare Führung der Avantgardepartei immer in der Sackgasse enden muß, daß diese Führung aber nicht von heute auf morgen entsteht, sondern nur in einem langen, von Rückschlägen begleiteten, durch den Kampf selbst vermittelten Prozeß, in dessen Verlauf sich eine vollkommene Differenzierung und Umgruppierung, eine Kette von Spaltungen und Fusionen der gegenwärtig vorhandenen Avantgardeelemente und -splitter ergeben kann und wird. Es ist aber dieser Tenor, der den ganzen Aufruf durchzieht, unter dem der Sozialismus nicht mehr als das selbst noch zu vermittelnde Ziel der Bewegung, sondern als unmittelbare Tagesaufgabe, als maximalistische Phrase, erscheint, und der damit trotz entgegen­setzter Beteuerungen den wahren Umfang der vor uns stehenden Aufgaben nur verdunkelt; wir halten ihn in keiner Weise für gerechtfertigt.
Wenn wir nun bis hierher die Betonung auf den prozeßhaften Charakter des revolutionären Programms gelegt haben, so muß jetzt dieser Prozeß selbst näher bestimmt werden. Denn die Antwort, daß sich das Programm „im Kampf herauszubilden habe, ist richtig, aber keineswegs ausreichend, handelt es sich doch nicht um ein Programm „schlechthin“, sondern um das Klassenprogramm des Proletariats, das es zu erringen gilt, und das daher – ebenso wie die revolutionäre Organisation selbst – nur im politischen Kampf des Proletariats entwickelt werden kann. Die vordringliche Aufgabe revolutionärer Kaderkerne – und mit mehr haben wir es heute nirgendwo zu tun – besteht also darin, in die politischen Kämpfe des Proletariats zu intervenieren und sie zu fördern und dabei ein konkretes Kampfprogramm zu entwickeln, um das sich zunächst kleine und dann immer bedeutsamere Teile des Proletariats in den Kampf führen lassen, um im Verlaufe dieses Prozesses die fortgeschrittensten Elemente des Proletariats in ihren Reihen zu vereinigen und so als proletarische Avantgarde-Organisationen, auch wenn sie anfangs vorwiegend aus Intellektuellen bestanden haben mögen, selbst zu einem Teil der Klasse zu werden.
Worin kann nun unter diesem Aspekt die Funktion der RIJ bestehen? Denn selbst wenn wir jetzt einmal von dem Anspruch der OCI absehen, bereits „das Programm“ zu haben, so soll doch der in der RIJ organisierten Jugend dieses Programm nicht einfach in der Diskussion erläutert werden, sondern sie soll „ausgehend von den besonderen Problemen der Jugend“ zum Trotzkismus gelangen (s.o.). Was aber sind die besonderen Interessen der Jugend, die veranlassen könnten, über alle Klassenschranken hinweg eine einheitliche Kampffront zu errichten und sich zudem noch insgesamt an die Spitze des Proletariats zu stellen?
In dem Aufruf heißt es: „Die Jugend will leben, in Hoffnung und Freiheit, und um zu leben, muß sie kämpfen. – Die Jugend strebt nach dem Leben, die Jugend braucht begeisternde Perspektiven. Bürokraten und Bourgeois bieten nur schmutziges Leben, Arbeitslosigkeit, Mühsal, Erniedrigung, Krieg und Elend“. Nun ja, daß es unter der Herrschaft von Bourgeoisie und Bürokratie für die große Mehrheit der Menschen nur Elend und Mühsal geben kann, ist nicht zu leugnen, auch nicht, daß die Jugend noch am ehesten bereit ist, dagegen zu opponieren. Aber die Abschaffung dieser Zustände kann an sich noch nicht der Inhalt eines Programms sein. Daß erst der Sozialismus (oder richtiger: der Kommunismus) im wahren Sinne des Wortes humane Lebensverhältnisse für alle bieten kann, ist für Marxisten elementare Wahrheit – aber eben nur für Marxisten!
Denn die Massen handeln bekanntlich nach den Interessen, die sich aus ihrer Klassenlage ergeben, und die historische Mission des Proletariats erwächst nicht daraus, daß es die Notwendigkeit des Sozialismus am ehesten „einsehen“ kann, sondern daraus, daß seine besonderen Klassen­interessen mit den historischen Interessen der Menschheit zusammenfallen, daß es sich nicht befreien kann, ohne zu­gleich alle Klassenherrschaft, die Klassen selbst und die darauf beruhende Ungleichheit abzuschaffen.
Was für die Klassen insgesamt richtig ist, gilt aber ent­sprechend auch für die Jugend. Denn die Probleme der proletarischen Jugend, in deren Zentrum Fragen der Aus­bildung, der Entqualifizierung, der Jugendarbeitslosigkeit, der Unterbezahlung stehen, sind in demselben Maße auch Probleme der gesamten Klasse, wie die proletarische Jugend das Proletariat von morgen ist, wie mit ihr das Proletariat von morgen strukturiert und geformt wird und wie sie schon heute in ein konkurrenzhaftes Verhältnis zu ihren älteren Klassengenossen gebracht wird. Das Ziel ihres Kampfes ist von dem der Klasse insgesamt nicht verschieden: der Sturz der Bourgeoisie und die Errichtung der Diktatur des Proletariats als Mittel zum Aufbau des Sozialismus.
Aber der Oberschüler, der Student? Welches Interesse haben sie am Sozialismus? Sicher, daß die Idee der klassen­losen Gesellschaft eine „begeisternde Perspektive“ ist, läßt sich nicht leugnen. Aber auch für Schüler und Studenten bestimmt sich das Handeln in der großen Masse letztlich nach der sozialen Lage, und die ist doch gerade gekenn­zeichnet durch das Bildungsprivileg, durch die Erwartung, später im Beruf über dem Proletariat stehen zu können, keine körperliche Schwerarbeit verrichten zu müssen, mehr zu verdienen, ein höheres soziales Ansehen zu genießen als die Masse der Bevölkerung. Wenn sie rebellieren, dann nicht gegen das System, weil es ein kapitalistisches ist (obwohl ihr Protest durchaus diese ideologische Form annehmen kann), sondern nur insofern, als es ihnen nicht einmal diese Erwartungen in vollem Umfang erfüllen kann. Aber vom Sozialismus haben sie da nicht mehr zu erwarten, bedeutet dieser doch gerade die Abschaffung aller gesellschaftlichen Privilegien, deren Aufrechterhaltung an das bestehende System (bzw. an die bürokratische Deformation der Arbeiterstaaten) gebunden ist. Das gilt zwar nicht mehr so absolut wie früher, in dem Maße nämlich, wie ein wachsender Teil der Studenten, besonders der technischen Intelligenz, später in ein Lohnabhängigkeitsverhältnis tritt und ausgebeutet wird und dort die oberste Schicht des Proletariats bildet, aber eben doch die oberste, die von den anderen Teilen des Proletariats durch ihre Hochschul­ausbildung entscheidend abgehoben ist. Mindestens bis zum Ende ihres Studiums sind sie aber doch Studenten, Nutz­nießer des Bildungsprivilegs der „gehobenen Schichten“.
Eine politische Bewegung der Studenten auf der Grundlage ihrer schichtenspezifischen Interessen kann also nur einen kleinbürgerlichen Charakter tragen; die Studenten können nicht selbst zum Vorkämpfer des Sozialismus werden, wie sehr sie sich auch dafür halten mögen. Wenn sich daher auch durchaus die Krise des kapitalistischen Systems in den Köpfen der Intellektuellen widerspiegelt, so dürfen gerade Marxisten nicht den fundamentalen Fehler begehen, den ideologischen Ausdruck selbst für die Triebkraft der Bewegung zu halten. Allenfalls stellt sich hier für das Proletariat unter Bedingungen des verschärften Klassen­kampfes die Bündnisfrage.
[31] Daß auf der Ebene der Jugend die Klassendifferenzierung nicht plötzlich bedeutungslos geworden ist, ist übrigens keine neue Erkenntnis. Gerade die Kommunistischen Jugendorganisationen (KJO) zu Beginn der 20er Jahre waren trotz des Bestehens wirklicher proletarischer Avantgardeparteien in den entsprechenden Reden und Resolutionen der frühen Komintern-Kongresse eindeutig als Massenorganisationen der Arbeiterjugend definiert, oder man bezeichnete der Einfachheit halber als „Jugend­liche“ von vornherein nur eine Altersgruppe der Arbeiter­klasse. Auch der Rückgriff in die Geschichte liefert also keine positiven Argumente für die klassenunspezifische Konzeption der RIJ.
Das alles heißt natürlich nicht, daß wir die Bedeutung der jugendlichen Angehörigen der Intelligenz für die proleta­rische Bewegung unterschätzten, und wenn sie in der revolutionären Organisation einen entsprechenden Rahmen finden, dann können sie aufgrund ihrer theoretischen Fähigkeiten und Kenntnisse von enormem Nutzen sein. Die Bedingung aber ist, daß sie diese Arbeit nicht mehr als Schüler, nicht als Studenten leisten, daß sie bereit und fähig sind, ihre besonderen sozialen Interessen hinter ihrer politischen Arbeit zurückzustellen.
Es erscheint uns daher vollkommen unmöglich, daß sich „die“ Jugend massenhaft aufgrund ihrer Erfahrungen, auch wenn ihr die Trotzkisten dabei noch so sehr behilflich sind, zum Trotzkismus entwickeln kann, wir meinen nicht, daß es einen Kampf „der“ Jugend gibt, wenn man darunter mehr versteht als die äußerliche Gemeinsamkeit der Form, die der Protest auf einer noch unentwickelten Stufe annehmen kann. Der Sozialismus ist und kann nur sein das klassenspezifische Kampfziel des Proletariats und seiner Jugend; seine Darstellung als Ziel der Jugend insgesamt bedeutet nur seine inhaltliche Entleerung, reduziert ihn von einem – natürlich nicht unmittelbaren, sondern selbst zu vermittelnden – Kampfziel zu einer „begeisternden Perspektive“, zu einer fixen Idee jugendlichen Über­schwanges. Die RIJ, unter diesem Vorzeichen konstituiert, wird alles andere sein als eine Kampforganisation; über schöne Reden, große Versammlungen, die Verabschiedung vielversprechender Resolutionen und mehr oder weniger mitreißender Aufrufe, alles gegen Imperialismus und Stalinismus und für die sozialistische Revolution, wird sie nie hinauskommen können.
Der einzige für uns einsehbare Sinn der RIJ besteht dann noch darin, eine internationale Diskussion von Gruppen und Organisationen zu ermöglichen, zwischen denen eine Diskussion überhaupt sinnvoll erscheint. Diese Diskussion müßte aber nicht damit beginnen, daß man sich über einige nicht inhaltlich gefüllte, denkbar allgemeine Parolen einigt, sondern muß umgekehrt – und damit wären wir wieder beim Ausgangspunkt – bei der Verständigung über die Notwendigkeit des Aufbaus der IV. Internationale an­setzen, über die Ursachen und die entscheidenden Etappen ihres Degeneration- und Zerfallprozesses und die daraus zu ziehenden Lehren als die Grundlagen, auf denen der Aufbau der IV. Internationale heute in Angriff genommen werden kann. Dies ist unseres Erachtens die einzige Ebene, auf der heute in internationalem Maßstab eine sinnvolle und zu Konsequenzen führende Diskussion geführt werden kann.
In ihrer gegenwärtigen Konzeption aber, als Kampforgani­sation, die nicht kämpfen kann, und als Diskussionsforum, das die entscheidenden Probleme der Gegenwart nicht in den Mittelpunkt der Diskussion stellt, kann die RIJ nur eines sein: eine Demonstration des internationalen Einfluß­bereichs der OCI bzw. des „Internationalen Komitees“. Unter diesem Gesichtspunkt werden wir mit der RIJ, sollte sie Zustandekommen, zu gegebener Zeit die Auseinander­setzung führen.

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