Spartacus – Nr. 25 vom Jan. 1972 [u.a. zur KJO-Spaltung]

Die Ziffern in eckigen Klammern verweisen auf die entsprechenden Seiten im Papieroriginal.

[20] Es ist Zeit, wieder klar zu sehen

Thesen zur Reorientierung von SPARTACUS

I.

1) Wir haben unsere Arbeit zunächst unter der etwas naiven Annahme aufgenommen, SPARTACUS brauchte sich nur an die Spitze bereits stattfindender Massenkämpfe der Arbeiter­jugend zu setzen, um diesen durch unsere organisierende und orientierende Intervention eine politische Dimension zu geben und für die Verwurzelung eines kommunistischen Kaders in der Arbeiterklasse fruchtbar zu machen.

2) Mittlerweile ist uns bewußt geworden, daß es auch in der Arbeiterjugend noch darauf ankommt, diese Kämpfe allererst zu initiieren. Diese Einsicht hätte bereits unmittelbares Ergeb­nis unserer theoretischen Ausgangsthesen sein müssen; denn wenn es stimmt, daß die Arbeiterjugend derjenige Teil der
Arbeiterklasse ist, der bereits heute seine elementaren mate­riellen Interessen nicht anders als im politischen Kampf gegen das Kapital wahrnehmen kann, dann ist die Einsicht in diese politische Tragweite der Interessen der Arbeiterjugend selbst schon Voraussetzung dafür, daß die Kämpfe überhaupt zustan­de kommen. Eben weil die Arbeiterjugend keine Möglichkeiten hat, sich auf Betriebs- oder Branchenebene gegen die gesamt­ gesellschaftlich geplante und staatlich abgesicherte Entqualifizierung zur Wehr zu setzen, war es unrealistisch, auf das spon­tane Ausbrechen von Massenbewegungen der arbeitenden Ju­gend zu rechnen; die Einsicht in die politische Dimension der Interessen der Arbeiterjugend als Vorbedingung für jeglichen effektiven Kampf kann wiederum allein von der Kommunisti­schen Jugendorganisation in die Massen der arbeitenden Jugend hineingetragen werden. Die KJO kann sich also nicht dadurch zur Führung der Arbeiterjugend entwickeln, daß sie bloß in schon stattfindende Kämpfe eingreift, sondern indem sie die bewußtseinsmäßigen Voraussetzungen für diese Kämpfe – und insofern die Bedingungen ihrer eigenen Existenz – selbst erst schafft.

II.

3) Dieser vor allem aus den praktischen Erfahrungen gewonne­nen Einsicht trägt SPARTACUS seit über einem Jahr durch eine bewußte Rückkehr zum Vorrang der Propaganda-Tätigkeit Rechnung. Es wurde jedoch nicht hinreichend geklärt, wie sich diese taktische Wendung zu den strategischen Voraussetzungen der Organisation verhielt; denn wenn es auch in der Arbeiter­jugend – ebenso wie in der gesamten Arbeiterklasse! – noch immer darauf ankommt, durch Propaganda überhaupt erst die Voraussetzungen für die Entwicklung politischer Kämpfe zu schaffen, wo bleibt da jene Sonderstellung der Arbeiterjugend, die allein unsere Bestimmung der KJO als ‚strategisches Moment beim Aufbau der Partei’ rechtfertigen kann?! Konnte sich SPARTACUS unter solchen Umständen nicht ebensogut – nach Vorbild der diversen KPD/MLs und „marxistisch-leninisti­schen Zirkel“ – darauf verlegen, durch reine Propaganda in der ‚Gesamtklasse’ den Aufbau der kommunistischen Partei direkt in Angriff zu nehmen?!
Das Versäumnis, das Verhältnis der taktischen Wendung zur strategischen Prämisse rechtzeitig mit der angemessenen Präg­nanz zu klären, rächt sich heute im Auftreten von Strömungen innerhalb von SPARTACUS, die letzten Endes auf ein Verlassen der KJO-Konzeption zugunsten einer bloßen Propaganda in der Gesamtklasse hinauslaufen. Es ist deshalb an der Zeit, noch einmal klarzustellen, weshalb eine kommunistische Jugend­organisation sowohl möglich als auch notwendig ist:

4) Die kombinierte Erfahrung der deutschen Arbeiterklasse mit dem Faschismus auf der einen und dem Verrat ihrer tradi­tionellen politischen Führungen – Stalinismus und Sozialdemo­kratie – auf der anderen Seite haben die Kontinuität der deut­schen Arbeiterbewegung für Jahrzehnte zerrissen. Das äußert sich in einem vollkommenen Verlust der politischen Dimension in den Kämpfen der Arbeiter. Die definitive Wandlung der Sozialdemokratie von einer reformistischen Arbeiterpartei in eine Partei des technokratisch-modernistischen Flügels der Bourgeoisie und die Degeneration der ‚kommunistischen’ Par­teien zu bloßen Agenturen der konterrevolutionären Büro­kratien der Arbeiterstaaten wirft die westdeutsche Arbeiterklasse auf einen Bewußtseinsstand zurück, auf dem jede selbständige Klassenpolitik gegen sämtliche Parteien der Bour­geoisie als unmöglich und illusionär erscheint, wo den Arbeiter­massen und auch ihrer kämpferischen Vorhut der rein ökono­mische Kampf um die Erhaltung und Verbesserung ihrer mate­riellen Lebenslage als die einzig denkbare Form der Wahr­nehmung der Interessen als Lohnabhängige erscheinen muß.
Die Unmöglichkeit, die partikularen ökonomischen Kämpfe durch bloße Verschärfung der Militanz aus ihrer ökonomisti­schen Borniertheit zu lösen und zu koordinierten Kämpfen der gesamten Klasse gegen die im Staat zentralisierte Bour­geoisie zu vereinheitlichen, isoliert die kommunistischen Kerne von den arbeitenden Massen und reduziert sie zu Flugblatt­verteilern am Rande der realen Arbeiterbewegung, die in die ökonomischen Kämpfe nicht führend eingreifen (und sich so zur wirklichen Vorhut der Klasse entwickeln) können, sondern zum bloß literarischen Kommentieren der Ereignisse verurteilt sind.

5) Der Verlust jeder politischen Dimension im Bewußtsein der Massen, d.h. das bloß ökonomische Niveau der organisierten Arbeiterbewegung, betrifft die gesamte Klasse, und auch die Arbeiterjugend kann nicht spontan und organisch diese Be­schränktheit überwinden. Zwar haben die jugendlichen Individuen den kampflosen Zusammenbruch der Arbeiterbewegung 1933, den Triumph des Faschismus und den doppelten Verrat von Stalinismus und Sozialdemokratie in der Zeit des Wieder­aufbaus des westdeutschen Kapitalismus nicht mehr am eigenen Leibe erfahren und die demoralisierende Wirkung der kampf­losen Niederlagen ist nicht mehr so unmittelbar wie in den älteren Arbeitergenerationen; aber das Klassenbewußtsein ist nicht einfach die Summe der individuellen Erfahrungen, son­dern verkörpert sich in den kollektiven Erfahrungen der gesam­ten Klasse, d.h. in ihren Organisationen und vor allem in ihren politischen Parteien.
Der Verlust der organisierten Gestalt der politischen Erfahrun­gen belastet also auch die Bewußtseinsentwicklung der jungen Generation der Arbeiterklasse. Auch sie kann nicht organisch von der Erfahrung ökonomischer Kämpfe zu einer politischen Ebene des Bewußtseins aufsteigen. Hier wie dort ist das Vorhandensein einer bereits verankerten und bewährten politi­schen Avantgardeorganisation Voraussetzung für die Vermitt­lung der bloß ökonomischen Anlässe der Arbeiterkämpfe mit den letztlich politischen Ursachen der Klassenunterdrückung, und hier wie dort ist gerade diese subjektive Voraussetzung ebensowenig gegeben.

[21] 6) Jedoch trifft die Arbeiterjugend objektive Bedingungen an, unter denen sie ihre wirtschaftlichen Interessen einzig dann wahrnehmen kann, wenn sie sie von Anbeginn politisch, und das heißt im Kampf nicht bloß gegen einen Teil, sondern gegen die Gesamtheit der Bourgeoisie wendet. Die gesellschaftliche Existenz der Arbeiterjugend ist geprägt durch die Tendenz zur Entqualifizierung, die ihrerseits eine notwendige Folge und Vor­aussetzung der Automation ist. Der Zwang zur Erhöhung der organischen Zusammensetzung des Kapitals ist ein allgemeines Entwicklungsgesetz der kapitalistischen Produktionsweise – er gehört zum Kapitalismus ebenso wie Markt und Konkurrenz. Dieser Zwang setzt sich aber gerade in der Konkurrenz durch, d.h. im Versuch der Einzelkapitalien, durch Erhöhung ihrer organischen Zusammensetzung über den Marktmechanismus Extraprofite aus weniger stark kapitalisierten Bereichen an sich zu ziehen. Die Grundlage für diesen Mechanismus ist gerade die Ungleichzeitigkeit der kapitalistischen Entwicklung, d.h. der Umstand, daß sich der technologische Fortschritt eben zunächst vereinzelt durch die Ebene bestimmter Branchen und selbst einzelner Betriebe innerhalb dieser Branchen vermittelt durchsetzt. Dadurch erscheint die Tendenz zur Erhöhung der organi­schen Zusammensetzung – gegenwärtig als Tendenz zur Auto­mation – den davon unmittelbar betroffenen Proletarier­gruppen zunächst als rein ökonomisches Phänomen, das auch nur ökonomistisch, d.h. betriebs- oder branchenspezifisch bekämpft werden kann (siehe tarifliches Rationalisierungs­schutzabkommen usw.) – obgleich es sich selbstverständlich abstrakt genommen um nicht weniger handelt als um das we­sentliche Entwicklungsgesetz des Kapitalismus als gesellschaft­liches System.
Dagegen trifft die Entqualifizierung als Voraussetzung und Folge der Automation die Arbeiterjugend nicht zuerst auf der Ebene einzelner Branchen und einzelner Betriebe, sondern unvermittelt als kalkulierter Plan der gesamten Kapitalisten­klasse, den sie zentralisiert auf der Ebene des bürgerlichen Staates, nämlich mit Hilfe von Berufsbildungsgesetzen, durch­zusetzen strebt. Diesem Resultat der Automation kann die Arbeiterjugend in keiner Weise durch ökonomischen Kampf auf der Betriebs- und Branchenebene entgegentreten, sondern – wenn überhaupt – als Kampf gegen die Gesetze der kapitalisti­schen Entwicklung selbst, und das heißt konkret: durch Kampf gegen die im Staat organisierte kapitalistische Gesamtklasse – also politisch!

7) Dies ist und bleibt die entscheidende Bedingung, die der westdeutschen Arbeiterjugend ihren besonderen Platz in der Entwicklung proletarischen Klassenbewußtseins zuweist – nicht, daß es ihr möglich wäre, dank bloß propagandistischer ‚Vermittlung’ aus den ökonomischen Kämpfen in die politischen hinüberzu‚wachsen’, sondern daß sie sogleich politisch kämpfen muß, sofern es gelingt, sie überhaupt für den Kampf um ihre eigenen materiellen Interessen zu gewinnen. Hier liegen Möglichkeit und Notwendigkeit der kommunistischen Jugend­organisation gleichermaßen begründet, und in dem Umstand, daß es sich beim Kampf gegen die Entqualifizierung der Ar­beitskraft um einen Kampf gegen die Entqualifizierung der Arbeitskraft um einen Kampf gegen die Bewegungsgesetze des Kapitalismus selbst, gegen die Spaltung der Arbeiterklasse durch die Automation handelt, liegt der unmittelbare Berührungspunkt zwischen den materiellen Tagesinteressen der Ar­beiterjugend und den historischen Interessen der Arbeiter­klasse – hier tritt uns die ebenso notwendige wie mögliche kommunistische Jugendorganisation als strategisches Moment beim Aufbau der revolutionären Klassenführung entgegen.

III.

8) Die taktische Rückbesinnung auf den Vorrang der Propa­ganda wurde also nicht aufgrund einer immanenten Schwäche der strategischen Prämissen notwendig, sondern aufgrund einer anfänglichen Überschätzung der eigenen Interventionsmöglich­keiten – einer Fehleinschätzung, die uns bei einer konsequente­ren Weiterentwicklung unserer strategischen Prämissen gar nicht hätte unterlaufen dürfen. Die naive Annahme einer be­reits kämpfenden Massenbewegung der arbeitenden Jugend widersprach doch geradezu diesen theoretischen Ausgangs­positionen, und so war sie denn auch nicht Ergebnis einer fehlerhaften theoretischen Reflexion, sondern einer impressio­nistischen Verwechslung des Massenanhangs, den sich die anti­autoritäre Studentenbewegung Ende der 60er Jahre unter den Lehrlingen hatte schaffen können, mit einer genuinen Arbeiter­jugendbewegung.
In Wahrheit handelt es sich hier jedoch nicht um eine eigen­ständige Bewegung eines Teils der Arbeiterjugend, sondern um die massenhafte Mobilisierung von Lehrlingsindividuen für die Ziele einer fremden, im Wesen kleinbürgerlichen Bewegung. Der Beginn dieser Mobilisierungen stand unterm Zeichen von zunächst durchaus klassenunspezifischen Themen wie Vietnam-Krieg und dem Kampf gegen die Notstandsgesetze. Diese beiden für die Entwicklung der „Außerparlamentarischen Opposition“ zentralen Kampagnen wurden in einer völlig abstrakten Form betrieben, die jeglichen Zusammenhang beider Komplexe mit den Klassenkämpfen in Westdeutschland vollständig übersah, wenn nicht gar ausdrücklich leugnete: Handelte es sich bei der Anti-Notstandskampagne um den Widerstand gegen einen schlechthin ‚autoritären’ Staat, so verstand man den Vietnam-Krieg als eine Auseinandersetzung zwischen einer ‚an sich’ revolutionären „Dritten Welt“ und den zutiefst konterrevolutionä­ren „Metropolen“, innerhalb derer revolutionären Initiative allenfalls von den „Randgruppen“ ausgehen konnte, nicht je­doch von einer vollständig verbürgerlichten Arbeiterschaft. Die Arbeiterjugend tritt daher bezeichnenderweise zuerst nicht in Gestalt des Lehrlings, sondern in der Gestalt des Berufsschülers in den Gesichtskreis der „Bewegung“!

9) Die Ansätze zu einer selbständigen „Lehrlingsbewegung“ treten erst in der Niedergangsphase der antiautoritären Studen­tenrevolte (seit Herbst 1968) auf, als die „Bewegung“ aus Selbsterhaltungstrieb die in der Aufstiegsphase kultivierte Or­ganisationsfeindlichkeit zugunsten eines Mythos der „Selbst­organisation“ aufgeben mußte, wenn sie wenigstens Bruchstücke des Erreichten erhalten wollte.
Ideologisch wurde diese Wendung wie zuvor mit der Phrase „Selbstbestimmung“ legitimiert, und das bedeutete von nun an: „Revolutionierung der eigenen Existenz“, „Jeder macht seine eigene Sache“ usw. Von den Studenten im Stich gelassen, be­gann jener kleine Teil der mobilisierten Lehrlinge, deren Politi­sierung zu tief gedrungen war, als daß sie im ‚underground hätten versacken mögen, sich – unter Anleitung sozialpflegerisch gesonnener Studenten und Lehrer – „um ihre eigene Sache zu kümmern“, aber dies eben eher der Not gehorchend als den eigenen Einsichten: Um von der Bewegung in ihrem gesellschaftlichen Bereich zu retten, was zu retten war; also aus der Defensive heraus – noch immer unter antiautoritären Vor­zeichen.
Die Besinnung auf die gesellschaftliche Lage der arbeitenden Jugend und der Lehrlinge insbesondere ist von den Umständen aufgezwungen und zu oberflächlich, als daß sie von sich aus eine politische Plattform zu liefern vermochte, von der aus die Masse der antiautoritär mobilisierten Lehrlinge in eine klassen­bewußte Bewegung der Arbeiterjugend hätte hinübergeleitet werden können.

[22] Eine solche Plattform hätte auch damals nur von einer bereits bestehenden revolutionären Jugendorganisation in die Über­reste der „Bewegung“ hineingetragen werden können, und wenn diese Chance nicht genutzt wurde, so fällt dies in die alleinige Verantwortung der damaligen „Deutschen Sektion (des V.S.) der IV. Internationale“, deren Konservatismus und Opportunismus die frühzeitige Entstehung einer solchen Jugend­organisation verhindert hat; erst als der revolutionäre Teil der „Sektion“ der lahmenden Disziplin dieser politisch toten Orga­nisation enthoben war, wurde der Weg frei für den Aufbau der kommunistischen Jugendorganisation SPARTACUS.

10) Selbstverständlich lag die letztendliche gesellschaftliche Ursache für die Bereitschaft der Lehrlinge, sich für die Ziele der antiautoritären Bewegung zu mobilisieren, in der Krise des beruflichen Ausbildungssystems; aber die Bourgeoisie wäre nicht die herrschende Klasse, wenn sie die Arbeitermassen nicht auch ideologisch beherrschen könnte, und so ist es unvermeid­lich, daß die politische Mobilisierung auch der Arbeiterjugend nicht bei der Einsicht in die letzten Ursachen ihrer gesellschaft­lichen Unterdrückung beginnt, sondern zunächst bei eher vor­dergründigen Anlässen ansetzt – und selbst dies häufig nur im Nachtrab hinter fremden Bewegungen. Die Aufgabe der KJO ist es gerade, sich nicht aristokratisch über diese meist im Über­bau verhafteten Anlässe zu erheben, sondern sie aufzugreifen, um hinter den illusorischen „Interessen“ des Augenblicks die verborgenen gesellschaftlichen Ursachen der Unterdrückung der Arbeiterjugend zu enthüllen.

11) Die Kampagne gegen das Berufsbildungsgesetz im Frühjahr 1969, die vor allem von politischen Jugendgruppen getragen war, die mit der antiautoritären Bewegung gebrochen hatten – SDAJ, Rote Garde, Junge Garde und SPARTACUS –, traf ge­rade mit jener Phase im Zerfallsprozeß der „APO“ zusammen, wo die „Selbstorganisation“ unter den Lehrlingen einige momen­tane Früchte gezeitigt hatte.
Die Kölner Demonstration gegen das Berufsbildungsgesetz erscheint daher als der Höhepunkt einer in Wahrheit noch gar nicht vorhandenen Bewegung der Arbeiterjugend bzw. einer angeblichen „Lehrlingsbewegung“. In Wirklichkeit bietet sie im Gegenteil die erste Chance zur Entstehung einer solchen Bewe­gung der Arbeiterjugend für ihre spezifischen Interessen; es war dies zugleich die letzte Gelegenheit, die Überreste der „APO“ im Lehrlingsmilieu für eine Jugendbewegung auf prole­tarischer Klassengrundlage fruchtbar zu machen. Die notwen­dige Bedingung dafür wäre die Einsicht gewesen, daß auch die Arbeiterjugend ihren Kampf innerhalb der Gewerkschaften – und das heißt zugleich: gegen die Bürokratie – führen muß. Die SDAJ als stärkste politische Gruppierung innerhalb der Arbei­terjugend konnte eben diese Voraussetzung nicht schaffen, da sie die einzige Perspektive für den innergewerkschaftlichen Kampf – die Befreiung der Gewerkschaftsjugendorganisationen aus vollständiger Abhängigkeit vom Apparat – wegen ihrer Unterordnung unter die DKP nicht zu weisen vermochte, son­dern sich auf vorgeblich ‚unabhängige’ Lehrlingskomitees ver­legen mußte.
Auf der anderen Seite war SPARTACUS selbst zu schwach, auf Bundesebene den Auflösungsprozeß der „Selbstorganisation“ der Lehrlinge durch eine Wendung zur Organisierung innerhalb der Gewerkschaft aufzufangen, denn es hätte einer zentralisiert organisierenden Intervention bedurft, die SPARTACUS nicht zu leisten vermochte, solange die einzige konsolidierte Organi­sationseinheit die Westberliner Gruppe war. Welche Chancen eine durchgebildete KJO zum Zeitpunkt der Kölner Demon­stration gehabt hätte, zeigt der Umstand, daß allein unser Auf­treten in Köln die Voraussetzung für den Aufbau der Regional­organisation NRW geschaffen hat. Immerhin gelang es uns stellenweise, auf lokaler Ebene nachzuholen, wozu wir im Juni 1969 auf Bundesebene nicht die Kraft hatten (vorübergehend in Köln, vor allem jedoch in Essen).
In der zweiten Hälfte 1969 bis zum 1. Mai 1970 unternimmt unsere Organisation den angestrengten Versuch, nachzuholen, wozu uns zur Zeit der Kölner Demonstration die Kraft fehlte. Mit Hilfe der „oppositionellen Jugendblöcke“ am 1. Mai, mit Komitees der oppositionellen Gewerkschaftsjugend usw. wird der Versuch unternommen, auf lokaler Ebene die zerstreuten Überbleibsel der ,Lehrlingsbewegung’ um uns zu sammeln – ein Versuch, der auf regionaler Ebene immerhin so erfolgreich war, daß wir uns im Herbst ’70 das Ziel einer bundesweiten SPARTACUS-Organisation unmittelbar stellen können (Ar­beitskonferenz in Dortmund).

IV.

12) Erst in der Kampagne gegen das Berufsbildungsgesetz tritt mit den Stufenplänen das Problem der Entqualifizierung in den Gesichtskreis der ,Lehrlingsbewegung’, und es ist auch kein Zu­fall, daß die Tendenz zur Entqualifizierung – mit ihrer letzten Konsequenz: der strukturellen Jugendarbeitslosigkeit – erst zu diesem Zeitpunkt ins Zentrum unserer theoretischen Argumen­tation rückt.
Unsere Tendenz ist in den Traditionen der kommunistischen Arbeiterbewegung nur durch einige brüchige Fäden verwurzelt, nämlich allein durch die gedruckten Texte – und nicht etwa dadurch, daß sich unsere Organisation oder auch nur ihre füh­renden Kader selbst aus den wirklichen Kämpfen der Arbeiter­massen heraus entwickelt hatten. So liegt die einzige Chance, die toten Buchstaben lebendige Wirklichkeit werden zu lassen, in dem unablässigen Bemühen, ihre Aussagen an den Erfahrun­gen zu messen, die wir selbst hier und heute machen können. So verengt unsere Möglichkeiten zu praktischen Kampferfah­rungen sind und so dürftig ein bloß literarisches Anknüpfen an die Geschichte der kommunistischen Arbeiterbewegung bleiben muß, so unvollkommen und bruchstückhaft müssen zunächst noch die theoretischen und taktischen Weiterentwicklungen und Konkretionen unserer strategischen Grundpositionen blei­ben. Wer uns gerade unser Verdienst – nämlich die Fähigkeit, aus praktischen Erfahrungen Rückschlüsse für unsere theore­tischen Voraussetzungen zu ziehen – zum Vorwurf des „Empi­rismus“ verkehren will, ist ein intellektueller Snob, der nicht begreift, daß mangels eigener programmatischer Traditionen der stete Rekurs auf die unmittelbaren Erfahrungen unsere eigene Chance bleibt, Fortschritte bei der Ausformulierung unserer strategischen Linie zu machen.

13) Die Einsicht in die historischen Dimensionen der Tendenz zur Entqualifizierung lieferte uns die materialistische Grund­legung unserer Bestimmung der KJO als strategisches Moment beim Aufbau der Partei. Hier fanden wir eben jenes Bindeglied zwischen den zu führenden ‚Tages’kämpfen der Arbeiterjugend und den revolutionären Interessen des Proletariats als Klasse, das uns bislang gefehlt hatte und das wir auf spekulative Weise durch die Erwartung wiederholter apokalyptischer Katastrophen im Stil des französischen Mai ’68 hatten ersetzen müssen. Nun war es möglich, unsere strategische Konzeption von den ideali­stischen Eierschalen zu reinigen, die ihr anfänglich angehaftet hatten, solange wir nämlich sowohl die Notwendigkeit der KJO als auch ihre Bedeutung für den Aufbau der Partei weitgehend aus Krisenerscheinungen des Überbaus abgeleitet hatten. (Es sei übrigens darauf hingewiesen, daß wir diese Korrektur nicht unter der Hand einführten, sondern offen und erklärtermaßen.) Nun erst gelang es uns, die Interessen der Arbeiterjugend in Gestalt der „Drei Forderungen“ zu einer vereinheitlichenden und politisierenden Kampfperspektive zu formulieren – als Voraussetzung für den Beginn einer konkreten Intervention in den Gewerkschaften, wie [sie, SpaBu-Doku] in den folgenden Monaten den wesent­lichen Teil, wenn nicht die Gesamtheit unserer Tätigkeit aus­machen sollte.

14) Dabei wurden allerdings sowohl jene Ansatzpunkte sowohl theoretisch als auch praktisch vernachlässigt, die uns ursprüng­lich zur Einsicht in die Notwendigkeit der KJO veranlaßt hat­ten und die ja nicht an und für sich idealistisch und daher falsch geworden waren, sondern nur in ihrer auf Überbauphänomene fixierten Unvollständigkeit! Die Möglichkeit einer massenhaften Bewegung der Arbeiterjugend ist vorderhand nicht einfach durch die Tendenz zur Entqualifizierung der Arbeitskraft gege- [23] ben, sondern dadurch, daß die bürgerliche Gesellschaft, um diese wirksam durchsetzen zu können, die Arbeiterjugend in allgemein gesellschaftlich-kultureller Weise besonders unterdrücken muß. Die Erfahrung dieser ‚zusätzlichen’ Unter­drückung schafft die subjektiven Vorbedingungen für eine breite Mobilisierung der Arbeiterjugend. Die Tendenz zur Entqualifizierung ist eben nur die Ursache für die Unterdrückung der Arbeiterjugend und nicht schon die konkret erfahr­bare Form der Unterdrückung selbst. So ist die Einsicht in den Vermittlungszusammenhang zwischen den unmittelbaren Inter­essen der Arbeiterjugend und den historischen Interessen des Proletariats nicht schon die Voraussetzung für die bloße Exi­stenz einer politischen Organisation der Arbeiterjugend, son­dern erst für das Verständnis ihres notwendig kommunistischen Charakters und ihrer Rolle im Entwicklungsprozeß der revolu­tionären Klassenführung.
All diejenigen Mobilisierungsthemen, die sich aus der besonde­ren Benachteiligung der Arbeiterjugend im allgemein-gesell­schaftlichen und kulturellen Bereich unmittelbar ergeben, wurden vollends zugunsten einer zunehmend abstrakteren Propagierung der „Drei Forderungen“ und des antibürokrati­schen Kampfes in den Gewerkschaften verdrängt. Diese „Über­korrektur“ eines anfänglichen Fehlers sollte sich indes bald ihrerseits als ein recht kostspieliges Mißverständnis erweisen.

V.

15) Da es nicht gelungen war, die Überreste der antiautoritären Mobilisierung im Lehrlingsmilieu in eine klassenbewußte prole­tarische Jugendbewegung hinüberzuführen, war SPARTACUS ab Mitte 1970 weitgehend auf seine eigenen Kräfte zurückge­worfen. Unsere Interventionsmöglichkeiten gegenüber der Masse der Arbeiterjugend wurden zusätzlich dadurch verengt, daß ein Großteil der potentiellen Führungskader einer proleta­rischen Jugendbewegung die Wendung der „Außerparlamenta­rischen Opposition“ zum stalinistischen Dogmatismus und Sek­tierertum mitgemacht hatten und nun in „Parteien“ und „Zir­keln“ gebunden waren, die versuchen, sich durch bloße Propa­ganda in der ,Gesamtklasse’ als revolutionäre Avantgarde zu beweisen, ohne der Arbeiterjugend eine besondere Bedeutung beizumessen. So wurde ein beachtlicher Teil der besten Kräfte für die Entwicklung einer Massenbewegung der Arbeiterjugend neutralisiert und brachgelegt
Daß sich auch diese begrenzten Möglichkeiten um die Mitte 1970 weitgehend erschöpft hatten, schlägt sich in der erneuten Hinwendung zur Propaganda nieder. Und hier unterliegt SPARTACUS eben den Gefahren, die jede Propagandagesell­schaft heimsuchen: die Neigung zu immer dürreren Abstrak­tionen, mechanischen Wiederholungen, Formalismus, Mangel an taktischer Initiative, Routine, programmatischer Stillstand, gepaart mit scholastischer Haarspalterei.

16) Und warum?
Die Hauptaufgabe der propagandistischen Etappe ist zunächst die Profilierung von SPARTACUS als eine besondere, unver­wechselbare politische Tendenz im Bundesrahmen. Diese Profi­lierung gelingt vornehmlich in der Polemik gegen rivalisierende linksradikale Gruppen, denen gegenüber unser bedeutendster Trumpf die Überlegenheit unserer strategischen Konzeption ist. Es ist daher nur logisch, daß in unserer Propaganda immer wie­der in den Vordergrund gerückt wird, daß und wie unsere Konzentration auf die Arbeiterjugend gerade der angezeigte Weg zur Verankerung der Kommunisten in der Arbeiterklasse als Ganzes ist. Es handelt sich hier ja gerade nicht um Agitation gegenüber einer Masse von politisierten jugendlichen Arbeitern, sondern um einen reinen Ideenstreit zwischen kleinen Gruppen, die eben­so isoliert wie wir außerhalb der Arbeiterbewegung stehen. Die Verengung unserer Propaganda auf den Angelpunkt zwischen den Tagesinteressen der Jugend und dem historischen Gesamtinteresse der Klasse ist hier gerade von Vorteil, wo es doch den strategischen Stellenwert der KJO beim Aufbau der Partei zu beweisen gilt – während eben diese Verengung auf der anderen Seite die ohnehin nicht zahlreichen Möglichkeiten der agitatori­schen Einwirkung auf die Arbeiterjugend weiter beschneidet! Bezeichnend dafür ist, daß wir unsere organisatorischen Fort­schritte in den westdeutschen Regionen nicht der Entfaltung politischer Kampagnen, sondern unserem propagandistischen Einwirken in die inneren Friktionen rivalisierender linker Gruppen verdanken (jüngstes Beispiel: Süd-West).

17) Das führt schließlich sogar zu propagandistischen Ver­zerrungen unserer Gewerkschaftstaktik, die mechanisch und geradezu vulgär-materialistisch ausschließlich vom strategischen ‚Angelpunkt’ hergeleitet wird, wobei die konkreten Vermittelung der diversen unmittelbaren ‚Anlässe’ zur Mobili­sierung der Arbeiterjugend elend auf der Strecke bleiben. Ge­genüber dem Versuch, Lehrlings- und Jungarbeitergruppen auf einer vorpolitisch-kulturellen Grundlage aufzubauen, verhalten wir uns mit überlegener Geringschätzung. Wir wissen, daß die Interessen der Arbeiterjugend letzten Endes nur vermittels eines politischen Kampfes innerhalb der Gewerkschaften wahr­genommen werden können, und diejenigen ansatzweise politi­sierten Lehrlinge und jungen Arbeiter, die das noch nicht so­ gleich begreifen wollen, erachten wir nicht als unserer tätigen Aufmerksamkeit wert. So geschieht es, daß wir weiterhin ziem­lich alleine in der leeren Hülse der Gewerkschaftsjugendgruppen hocken und mit stoischem Gleichmut auf den Tag warten, da die jugendlichen Arbeiter aus irgendeinem Grund in die Gewerk­schaften strömen und zu ihrer freudigen Überraschung dort… uns antreffen werden!

18) Diese falschen Konsequenzen der Hinwendung zur Propa­ganda – nämlich das mangelnde Verständnis, daß es gerade die Aufgabe der KJO ist, die elementar mobilisierten Arbeiter­jugendlichen über ihren halb-politischen Beschränktheiten hin­ aus- und in die Gewerkschaftsarbeit hineinzuführen, statt ihnen ein Ultimatum zu stellen – bringen uns dahin, daß wir die Über­legenheit unserer strategischen Orientierung gerade nicht in der Praxis unter Beweis zu stellen vermögen. Und wenn wir keine wesentlichen praktischen Erfolge als Beweis für die Rich­tigkeit unserer Konzeption anführen können – umso mehr Grund, die Auseinandersetzung erst recht auf der rein theore­tisch-polemischen Ebene zu intensivieren! So entwickelt der Propagandismus seine eigene Logik, die auf die Inhalte der Propaganda selbst verkürzend und vulgarisierend zurückschlägt – und dies zumal, als die Propaganda immer mehr defensive Züge annimmt. Solange der praktische Beweis unserer Thesen einstweilen noch aussteht, fragt man uns, warum wir uns dem mühseligen Umweg über die Arbeiterjugend unterzie­hen, wo man doch bloße Propaganda ebensogut gleich in der ‚Gesamtklasse’ betreiben kann. Und um der Unterstellung zu begegnen, hier handle es sich um schlichten Mangel an revolu­tionärer Kühnheit, wird immer häufiger und schließlich immer lauter herausgestellt, wie sehr ja die Orientierung auf die Ge­samtklasse in der KJO-Perspektive selbst schon angelegt ist, und um sich nicht unrevolutionären Kleinmut nachsagen zu lassen, wird dann schließlich in der Tat immer stärkeres Gewicht auf das Flugblattverteilen an die „Gesamtklasse“ gelegt. Das führt bis zu eben jenem Punkt, wo die Defensive in die Kapitu­lation umschlägt.
Ist der ‚Umweg‘ über die Arbeiterjugend nicht tatsächlich ver­tane Zeit?! Eine politische Massenbewegung gibt es in der Arbeiterjugend schließlich ebensowenig wie in der Gesamt­klasse! Usw., usf. .. . Auf einmal ist alles wieder vergessen, was wir uns in drei Jahren mühsam an theoretischer Grundlage er­arbeitet haben. Wenn die vorgefundene Wirklichkeit den eige­nen Wünschen nicht entspricht, kann man zwei Dinge tun: Man kann sie kritisch begreifen, oder man kann sie rationalisie­ren – wobei das zweite Verfahren meist etwas eleganter wirkt. Immerhin mogelt man sich damit um das Eingeständnis herum, durch eigene Versäumnisse selbst dazu beigetragen zu haben, daß sich eine kämpfende Bewegung der Arbeiterjugend nicht einmal in wahrnehmbaren Umrissen entwickeln konnte. Statt dessen gibt man sich nun ungehemmt den betörenden Suggestio- [24] nen der „marxistisch-leninistischen“ Zirkel hin, die es eh schon gewußt haben, daß man sowieso nichts anderes machen kann als Propaganda in der Gesamtklasse…
Der schwierigere, aber einem Bolschewisten angemessene Weg ist zweifellos der einer konkreten und deshalb verbindlichen Selbstkritik. (Eine pauschale Selbstkritik verpflichtet zu gar nichts!)
Wir müssen erkennen, wie sehr das Abrutschen von SPARTACUS in einen faulen Propagandismus dafür verantwortlich war, daß die Bewegung der Arbeiterjugend seit über einem Jahr nicht wesentlich weiter gekommen ist, wir müssen eingestehen, daß wir die Schwierigkeiten, in denen wir uns befinden, durch ein sektiererisches und ultimatives Mißverstehen der Propagan­daarbeit und durch eine Verkürzung und Vulgarisierung der pro­pagierten theoretischen Inhalte selbst verschuldet haben.

VI.

19) Es ist an der Zeit, sich darauf zu besinnen, daß unser propa­gandistisches Einwirken in die Gesamtklasse ihren politischen Sinn nur insofern findet, als sie stets unserer strategischen Hauptaufgabe – Aufbau der kommunistischen Jugendorganisa­tion durch Entfaltung einer politischen Bewegung der Arbeiter­jugend – funktional zugeordnet bleiben. Jede einzelne takti­sche Initiative muß sich stets neu vor der strategischen Leitlinie der Organisation konkret legitimieren – dies ist die einzige Bar­riere gegen ein Abgleiten in perspektivlose, pluralistische Hand­werkelei und ist insofern Existenzbedingung einer kommunistischen Organisation!
Die Verselbständigung einer bestimmten Seite unserer Taktik gegenüber ihrer strategischen Grundlage, ihre Lösung aus ihrem Funktionszusammenhang, muß notwendig schließlich die Strate­gie selbst in Frage stellen – und mit ihr die Einheit der Organisa­tion. Diese elementare Erkenntnis war es, die uns am Anfang unserer Entwicklung als politische Tendenz in unüberbrückbaren Gegensatz sowohl zur antiautoritären Bewegung als auch zur ‚Alten deutschen Sektion’ gebracht hat und die Entschei­dung für den Aufbau einer bolschewistischen Organisation ebenso möglich wie zwingend gemacht hat. Jene Verselbständigung der Propaganda gegenüber der Gesamt­klasse in der letzten Periode – als zeitweiliges Abweichen gegen­über unserer strategischen Konzeption – hat die Weichen für jene Tendenzen gestellt, die heute diese Strategie selbst liquidie­ren wollen. Die bewußte Rückbesinnung auf unsere strategi­schen Hauptaufgaben wird heute zur Existenzfrage unserer Organisation – zur Frage nach ihrem Fortbestehen auf bolsche­wistischer Grundlage.

20) Die unterschwellig eingebürgerte Verwechslung der letzten gesellschaftlichen Ursachen der besonderen Unterdrückung der Arbeiterjugend mit den jeweils aktuellen Anlässen, die die Her­ausbildung einer politischen Bewegung der Arbeiterjugend zu führen ermöglichen, darf nicht weiterhin unsere Agitation und Propaganda verkürzen und sterilisieren.
Die praktische Tätigkeit von SPARTACUS muß wieder darauf gerichtet sein, jene konkreten Ansätze zu einer Mobilisierung der Arbeiterjugend aufzugreifen und zu der politischen Einsicht weiter zu entwickeln, daß auch die scheinbar vordergründigen Tagesprobleme der Arbeiterjugend letzten Endes erst im Rahmen einer kommunistischen Orientierung auf die Gewerk­schaftsbewegung wirksam in Angriff genommen werden können.

21) Zu diesen Anlässen, die zur politischen Aktivierung der Arbeiterjugend beitragen, zählen auch weiterhin diejenigen Themen, die die jungen Arbeiter in ihrer allgemeinen Lebenslage als Proletarier betreffen, nämlich Lohnkämpfe und die Kämpfe um die Erhaltung der demokratischen Rechte der Arbeiterbewegung. Solche Propaganda-Interventionen in die Kämpfe der gesamten Arbeiterschaft haben darüber hinaus die Funktion, wenn schon nicht unserer Positionen allgemein ver­ständlich, so doch unsere Tendenz immerhin allgemein bekannt zu machen – und im besten Fall individuell erwachsene Arbei­ter für unsere Perspektiven zu gewinnen. Zur Verteidigung des materiellen Besitzstandes der Arbeiter­schaft gehört allerdings auch die Abwehr von Tariferhöhungen bei öffentlichen Dienstleistungen. Schließlich werden Aktionen gegen Fahrpreiserhöhungen nicht schon dadurch für Kommu­nisten irrelevant, daß sie in Gruppen wie der GIM Sehnsüchte nach den goldenen Zeiten der antiautoritären Bewegung akti­vieren.
Unter jenen Themen der Agitation, die nicht unmittelbar der ökonomischen Ebene entspringen, fallen vornehmlich Kom­plexe wie der Widerstand gegen die physische und geistige Ka­sernierung der Arbeiterjugend durchs Militär; die Senkung der Volljährigkeit auf 18 Jahre, der Kampf um den Abtreibungs­paragraphen, Probleme der organisierten Verdummung in Haupt-, Real- und Berufsschulen usw.

22) Dabei gewinnt die Bewegung gegen den § 218 in mehr­facher Hinsicht exemplarische Bedeutung für die vielfältigen praktischen Möglichkeiten, die sich aus einer konkreten Rück­besinnung auf unsere strategischen Grundlagen für die Entfal­tung einer politischen Bewegung der Arbeiterjugend eröffnen: Erstens wirft der Widerspruch zwischen jenem Gesetz und der überwältigenden Mehrheit der „souveränen Staatsbürger“ ein Schlaglicht auf die innerste Natur der bürgerlichen ‚Demokra­tie’ und bietet zugleich einen ausgezeichneten Ansatz, die Rolle der Sozialdemokratie konkret zu verdeutlichen. Zweitens betrifft der Abtreibungsparagraph in der Praxis vor­rangig die Frauen der Arbeiterklasse und – verknüpft mit der Frage der kassenärztlichen Verschreibung von Verhütungs­mitteln – speziell jugendliche Arbeiterinnen!
Drittens kann letzten Endes nur unsere Perspektive gewährleisten, daß die Anti-218-Bewegung – die ja auch ohne uns bereits vorhanden ist – nicht in kleinbürgerlichem Feminismus versackt, so daß unsere Intervention darein ohnehin in unsere politische Verantwortung als Kommunisten fällt. Schließlich – und dieses vierte ist ein pragmatisches, aber des­halb nicht weniger triftiges Argument – liegt hier eine reale Chance, eine politische Kampagne erfolgreich zu fuhren, näm­lich die SPD-Regierung zum offenen Rückzug zu zwingen. Es erübrigt sich, auf diese allerdings neue Qualität in unserer Agi­tation hinzuweisen..

23) Die künftige ZL wird daher beauftragt, eine zentralisierte Intervention der KJO-SPARTACUS in die Bewegung gegen das Abtreibungsgesetz praktisch vorzubereiten. Zugleich sollen die Ansätze zu einer Kampagne gegen den Militarismus wieder auf­gegriffen werden. Dazu müssen als erster Schritt – die Mög­lichkeiten einer aufklärenden Agitation gegenüber den neu Ein­berufenen genau geprüft werden.

24) Diese und die anderen aufgezeigten Agitationsthemen müs­sen natürlich vordringlich in die Gewerkschaftsorganisationen hineingetragen werden – wie es ja auch selbstverständlich ist, daß sich SPARTACUS im Rahmen dieser Bewegungen deren Wendung in die Gewerkschaften hinein als taktische Hauptgabe stellt.
Das heißt konkret, daß wir wieder in jene halb-spontanen, halb-organisierten, halb-politischen und halb-kulturellen, mehr oder weniger informellen Gruppierungen hineingehen, in denen sich die elementare Politisierung von jungen Arbeitern heute noch weitgehend abspielt (wobei Jours Fixes und Lehrlingszentren natürlich eine Sonderstellung einnehmen). Nur so wird es uns gelingen, die propagandistische Stagnation unserer Gewerkschaftsarbeit und unsere weitgehende Isolierung in den gewerkschaftlichen Jugendorganisationen zu durch­brechen!
Besinnen wir uns wieder auf unsere strategischen Hauptauf­gaben!
Nützen wir alle Möglichkeiten zur massenhaften Mobilisierung jugendlicher Arbeiter!
Schaffen wir die Bedingungen für die Herausbildung einer klassenbewußten Bewegung der Arbeiterjugend!

11. Dezember 1971

Ein Gedanke zu „Spartacus – Nr. 25 vom Jan. 1972 [u.a. zur KJO-Spaltung]

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